Die fremde eigene Stimme
Es gibt noch etwas in der Musik, was eigentlich selten erklärt wird und was viele insbesondere junge Menschen davon abhält Musik zu machen. Meistens ist die erste Form der musikalischen Äußerung beim Kind das Singen. Und das ist natürlich immer erst völlig untrainiert. Wenn Kinder aber nun eine Aufnahme ihrer eigenen Stimme machen sind sie entsetzt: das ist nicht die Stimme, die sie von sich kennen. Diese Stimme wirkt fremd. Und das ist auch bei Jugendlichen und Erwachsenen so, es ist für die meisten äußerst schwer die eigene Stimme in einer Aufnahme zu ertragen, dazu braucht es eine Menge Gewöhnung. Viele erinnern sich an das Erste mal als sie diese fremde Stimme gehört haben und werden durch den Schock auf ewig davon abgehalten je wieder so etwas zu versuchen. Und die meisten sind zeitlebens unsicher über die Wirkung der eigenen Stimme, außer irgendeine Autorität wie etwa der Leiter des Kirchenchors oder Dieter Bohlen versichert ihnen, daß ihre Stimme gut ist. Deswegen können sich Menschen denen von Kindheit an erzählt worden ist, daß ihre Stimme gut ist, wie Madonna (Kinderstar), völlig frei damit umgehen – auch wenn diese Stimme, wenn man mal wirklich hinhört, im Vergleich zu der anderer Sängerinnen völlig Belanglos ist.
Bei Spektrum Direkt ist dieses Phänomen ganz gut erklärt:
Die Erklärung für diesen Effekt liegt vielmehr in unserem Kopf. Denn die Schallwellen, die wir beim Sprechen in unserem Kehlkopf erzeugen, nehmen zwei unterschiedliche Wege zu unserem Gehör. Der so genannte Luftschall gelangt aus unserem Mund durch die Luft zurück in unseren Gehörgang - inklusive der Reflexion an Wänden oder Gegenständen in unserer Umgebung. Diese Schallwellen kennen unsere Gesprächspartner als unsere Stimme.
Der zweite Weg des Schalls verläuft durch die Knochen unseres Kopfes, die durch die Wellen in Vibration versetzt werden. Dieser Knochenschall gelangt direkt über den Kiefer ins Innere der Ohren, wo die Informationen an das Gehirn weitergeleitet werden. Hält man sich beide Ohren zu und spricht leise etwas, dann kann man diesen Knochenschall "hören". Denn obwohl wir keinen Luftschall wahrnehmen können, erfahren wir trotzdem über den Knochenschall das Gesagte. Für uns selbst besteht somit die eigene Stimme aus zwei Schallkomponenten.
Wir kennen unsere Stimme in erster Linie als die Stimme die sich aus Knochenschall plus Luftschall ergibt, und das klingt anders als das was die anderen hören die nur den Luftschall wahrnehmen. Und dadurch, daß Menschen heute viel öfter und viel früher mit einer Sprachaufnahme konfrontiert werden, die sie dann befremdet, haben die meisten Menschen oft ein schlechtes Verhältniss zum Gesang und ihrer eigenen Stimme. Und selbst das Singen in der Badewanne wird nur noch durchgeführt wenn keiner zuhause ist.
Eigentlich ist es aber völlig anders. Die meisten Stimmen empfinden wir als schön, es gibt kaum Stimmen die wir ablehnen. Stimmen sind uns meist völlig unaufällig, es gibt kaum den Fall, daß wir Menschen über die Stimme sortieren. Und innerhalb der Hall of Fame der Rock und Pop Musik wimmelt es von Weltstars die nach herkömmlichen Kriterien von “guter Stimme” oder aktzentuiertem Gesang alles falsch machen und es nicht können. Aber da teilt sich auch die Meinung wie in allen Problemfällen von Ästhetik. Was ist schön? Des einen Eule, ist des anderen Nachtigall. Das kennt man ja auch von sich selber, manche Stimmen findet man unerträglich obwohl sie Weltruhm erlangen, mir geht es so mit “Lou Reed”, und “David Bowie”, dabei finde ich die mit diesen Personen verbundenen Titel und die Musik oft sogar gut. Viele Titel von Lou Reed sind richtig klasse, unter der Bedingung, daß sie von anderen Sängern interpretiert werden.
Bei Frauenstimmen ist mir als Mann aber alles egal, da finde ich eigentlich alles gut solange es nicht zu penetrant kreischt, was aber eher ein Form der Anwendung ist und nicht die Stimme selber. Auch so eine merkwürdige Sache, da müßte sich mal eine Frau äußern die auf sowas achtet, ob das andersherum auch so ist. Auch ändert der Sprechgesang alles, bei Sprechgesang ist mir die Stimme verblüffenderweise völlig unwichtig. Wohl ähnlich wie bei Radiostimmen oder Politikerreden habe ich dabei überhaupt keine stimmlichen Präferenzen. Und auch näselnde Stimmen wie von Udo Lindenberg oder Jan Phillip Eißfeldt werden scheinbar gemocht.
Ich hoffe damit einigen Menschen Mut zu machen, wieder in der Badewanne zu singen und das kurzfristige Ziel Supersstar für Deutschland wieder ins Auge zu fassen. Bohlen hin, Bohlen her, der kann im übrigen auch nicht singen und hat eine näselnde Stimme (achtet mal drauf). Die Qualitäten für Welthits sind wohl doch scheinbar ganz andere, als die der Stimme.

Interessanter Beitrag. Es scheint bei vielen Begabungen zudem so zu sein, dass die meisten Leute annehmen, man müsse das spontan, von Natur aus können. Die meisten Begabten müssen ihre Begabungen aber durchaus trainieren, das heißt überdurchschnittlich viel Zeit in eine Sache investieren, bis sie immer besser werden. Dadurch wird der Abstand zu denen, die sich mit der Sache am liebsten gar nicht beschäftigen, immer noch größer.
Bei Frauenstimmen ist mir als Mann aber alles egal, da finde ich eigentlich alles gut solange es nicht zu penetrant kreischt
Vor allem, wenn Dein Name gekreischt wird, verbunden mit der Ergänzung “was hast Du da wieder gemacht!”
Comment by NUB — December 13, 2008 @ 11:04 am
Wahrscheinlich ist sogar das Üben, das Eigentliche, was hinterher als Talent wahrgenommen wird. Viele der großen Ausnahmetalente wie Mozart sind als Kinder unerbittlich gedrillt worden. Das passt aber als Theorie nicht in die heutige Zeit. Heutzutage denken die Menschen, daß der Virtuose schon so geboren wird.
Aber natürlich gibt es auch viele Dinge die Vorteilhaft sind und wo noch soviel üben nichts hilft. Mit 1.65 wird man nichts beim Basketball und auch nicht im Tennis. Kleine Finger sind z.B. auch für das Klavier nicht von Vorteil. Auch Modells brauchen eine bestimmte Größe obwohl mir hier die Gründe eigentlich nicht verständlich sind.
Comment by luclog — December 13, 2008 @ 10:30 pm
Es sollen wohl die Kleider bei einem großen Model besser zur Geltung kommen.
Comment by NUB — December 14, 2008 @ 10:40 pm
Das ist schon klar, deswegen ja ist ja auch kein Modell unter 1,90. Pure Willkür egal wie man es sieht. Man könnte für jede Größe eine Begründung finden. Etwa Stoffersparniss. Oder auch, daß kleine Frauen besser proportioniert sind. Das ist ähnlich wie bei Filmstars, bei Filmstars wird seit Jahrzehnten der Zwergwuchs bevorzugt, wahrscheinlich weil man mit denen noch in der kleinsten Kulisse arbeiten kann.
Comment by luclog — December 15, 2008 @ 1:06 am
So gesehen, ein etwas kleinerer Schauspieler ist flexibler als ein Riese. Der kleine kann “kleine” Rollen spielen, soll es eine etwas größere sein, trägt er absätze. Einen Riesen kann man aber nicht schrumpfen. Und ein Zwerg müsste 30 cm-Absätze tragen… Mittelmaß setzt sich durch.
Comment by NUB — December 16, 2008 @ 5:48 pm