Da muss man durch
Ein großes Lob auf die Handykamera. Privatsphäre das war einmal, jetzt muss und kann man überall damit rechnen gefilmt zu werden. Und das ist natürlich eine Verbesserung hin zu mehr Ehrlichkeit und Realität, ja, sogar Transparenz. Gerade die würdelosesten Momente des Lebens gehören schamlos verewigt. Denn so ist die Realität. Die Realität ist nicht das schöngeschminkte Theater auf einer Bühne die man sich selbst erstellen kann. Auch nicht der hämmernde Redner im Bierzelt. Die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Wirklichkeit, die oft mühsam aufgebaute Maskerade der Fehlerlosen, ist und war immer eine Lüge. Daraus sind die Heldenlegenden gestrickt. Von Helden in jeder Schicht und jeder politischen Richtung. Auch deswegen erscheinen die Heroen der alten Zeit, immer als unantastbare Riesen. Wir würden über Goethe heute anders denken, wenn es am Weimarer Hof eine Handykamera gegeben hätte.
Hof und Hofberichterstattung ist genau das, was sich bis heute alle Wünschen die ihrem Leben diesen Glanz verleihen wollen der immer nur eine künstliche Wirklichkeit war. Und eigentlich ist das Wissen, daß Menschen immer nur Menschen sind, eine Wahrheit die uns immer schon klar war, und die einfach nur hinter unserem kindischem Anspruch an die Wirklichkeit verborgen ist, daß diese doch gefälligst schönes Theaterspiel sein soll. So kindisch ist Hochkultur. Denn jeder weiß, daß das Leben auch auch aus peinlichen Situationen besteht, niemand ist immer so aufmerksam, daß er das vermeiden kann.
Was wir aber in der Rückschau auf alte Zeiten als Größe verleihen, ist immer schon nur eine Projektion gewesen. Und diese heroisierte Fassung von Wirklichkeit ist immer nur das Romanhafte das fiktive Traumbild, eine Vorstellung die mit der Realität nicht mehr viel zu tun hat.
Bill Clinton war eine der ersten wichtigen Personen der Zeitgeschichte bei der diese Diskrepanz im Oval-Office zutage trat. Auch O. G. Simpson fiel mehr und tiefer als üblich durch die elektronische Öffentlichkeit, und durch die Bilder. Prügelprinzen wehren sich handgreiflich, und einige andere Prominente versuchen sich mittels Anwälten freizukämpfen. Heide Simonis versuchte gerade gegen die Bildzeitung vorzugehen und ihre Privatsphäre stärker zu schützen und ist gescheitert. Aber das sind alles die letzten Gefechte einer kontrollierten Öffentlichkeit, die wohl so wie sie in den guten alten vordigitalen Zeiten war, nie mehr sein wird.
Wir können der Öffentlichkeit nicht mehr entkommen und das einzige was hilft ist, daß wenn alles mehr und mehr öffentlich ist, es auch keinen mehr interessiert. Da alles, was dann Digital zur Verfügung steht, auch wieder nur Massen von uninteressanten Daten sind. Massenhaft Bilder von Menschen, die auch menschliche Fehler haben. Überraschung. Bibliotheken gefüllt mit den akribischsten Familienfotoalben. Das ist nichts weiter als die Realität wie sie schon immer war, und das was wir eigentlich auch schon immer wußten. Auch wenn die Königin von England darauf geachtet hat, welche Familienfotos in das königliche Archiv kommen.
Das lässt sich sogar in linke Theorie einarbeiten: Die hundertausende von Arbeitern die für die Pyramiden geschuftet haben – hätten sie das auch getan wenn sie Zugriff auf die Partyfotos des jungen Pharao gehabt hätten? Oder die hundertausenden von von Marx, Lenin oder Che Fans – gäbe es sie noch, wenn wir die You-Tube-Jugendsünden dieser Helden kennen würden?
