June 24, 2008

Da muss man durch

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 10:10 pm

Ein großes Lob auf die Handykamera. Privatsphäre das war einmal, jetzt muss und kann man überall damit rechnen gefilmt zu werden. Und das ist natürlich eine Verbesserung hin zu mehr Ehrlichkeit und Realität, ja, sogar Transparenz. Gerade die würdelosesten Momente des Lebens gehören schamlos verewigt. Denn so ist die  Realität. Die Realität ist nicht das schöngeschminkte Theater auf einer Bühne die man sich selbst erstellen kann. Auch nicht der hämmernde Redner im Bierzelt. Die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Wirklichkeit, die oft mühsam aufgebaute Maskerade der Fehlerlosen, ist und war immer eine Lüge. Daraus sind die Heldenlegenden gestrickt. Von Helden in jeder Schicht und jeder politischen Richtung. Auch deswegen erscheinen die Heroen der alten Zeit, immer als unantastbare Riesen. Wir würden über Goethe heute anders denken, wenn es am Weimarer Hof eine Handykamera gegeben hätte.

Hof und Hofberichterstattung ist genau das, was sich bis heute alle Wünschen die ihrem Leben diesen Glanz verleihen wollen der immer nur eine künstliche Wirklichkeit war. Und eigentlich ist das Wissen, daß Menschen immer nur Menschen sind, eine Wahrheit die uns immer schon klar war, und die einfach nur hinter unserem kindischem Anspruch an die Wirklichkeit verborgen ist, daß diese doch gefälligst schönes Theaterspiel sein soll. So kindisch ist Hochkultur. Denn jeder weiß, daß das Leben auch auch aus peinlichen Situationen besteht, niemand ist immer so aufmerksam, daß er das vermeiden kann.

Was wir aber in der Rückschau auf alte Zeiten als Größe verleihen, ist immer schon nur eine Projektion gewesen. Und diese heroisierte Fassung von Wirklichkeit ist immer nur das Romanhafte das fiktive Traumbild, eine Vorstellung die mit der Realität nicht mehr viel zu tun hat.

Bill Clinton war eine der ersten wichtigen Personen der  Zeitgeschichte bei der diese Diskrepanz im Oval-Office zutage trat. Auch O. G. Simpson fiel mehr und tiefer als üblich durch die elektronische Öffentlichkeit, und durch die Bilder. Prügelprinzen wehren sich handgreiflich, und einige andere Prominente versuchen sich mittels Anwälten freizukämpfen. Heide Simonis versuchte gerade gegen die Bildzeitung vorzugehen und ihre Privatsphäre stärker zu schützen und ist gescheitert. Aber das sind alles die letzten Gefechte einer kontrollierten Öffentlichkeit, die wohl so wie sie in den guten alten vordigitalen Zeiten war, nie mehr sein wird.

Wir können der Öffentlichkeit nicht mehr entkommen und das einzige was hilft ist, daß wenn alles mehr und mehr öffentlich ist, es auch keinen mehr interessiert. Da alles, was dann Digital zur Verfügung steht, auch wieder nur Massen von uninteressanten Daten sind. Massenhaft Bilder von Menschen, die auch menschliche Fehler haben. Überraschung. Bibliotheken gefüllt mit den akribischsten Familienfotoalben. Das ist nichts weiter als die Realität wie sie schon immer war, und das was wir eigentlich auch schon immer wußten. Auch wenn die Königin von England darauf geachtet hat, welche Familienfotos in das königliche Archiv kommen.

Das lässt sich sogar in linke Theorie einarbeiten: Die hundertausende von Arbeitern die für die Pyramiden geschuftet haben – hätten sie das auch getan wenn sie Zugriff auf die Partyfotos des jungen Pharao gehabt hätten? Oder die hundertausenden von von Marx, Lenin oder Che Fans – gäbe es sie noch, wenn wir die You-Tube-Jugendsünden dieser Helden kennen würden?

Der Spießer Rentner

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 8:53 pm

Bei Der Zeit wird das sicher nicht so gesehen. Was man aber auch nicht so sicher weiß, denn die meinungshaltigen Artikel zu dem Gerichtsprozess über den brutalen Überfall in der Münchener U-Bahn auf einen Pensionär, sind bei Der Zeit im Moment recht rar, obwohl alle anderen Blätter sich heftigst darum kümmern. Nach der Aussage des Schuldirektors (Rentner-Spießer) zeigt sich nun ein etwas anderes Bild. Denn der Schuldirektor hat scheinbar nicht die beiden Täter irgendwie behelligt, sondern die beiden Täter haben was ganz typisch für solche Fälle ist, versucht ihn vor dem Überfall zu provozieren, und ihn danach von hinten angefallen und fast totgeschlagen. Das ist übrigen eine ganz übliche Vorgehensweise von Gewalttätern und scheinbar nur zwei Berufsgruppen nicht mehr bekannt, der Edelfederpresse und den Gerichten: Ein ausgesuchtes Opfer ist allein, damit seine Aussagen später gegen die der Täter stehen, im Nachhinein wird dem Opfer vorgeworfen mit was auch immer vorher provoziert zu haben.

In Wirklichkeit provozieren aber die Täter, um ihre eigene Aggression erstmal auf den richtigen Pegel hochzuschaukeln. Später, so denken sie, steht eine Aussage gegen zwei Aussagen - nur Pech wenn dabei dann eine Kamera läuft. Wie lässt sich ein solcher Fall klären? Eigentlich durch ganz einfache Logik; immer wenn zwei die größer, stärker und jünger sind behaupten, daß ein kleiner (und wohlmöglich älterer) sie angegriffen habe (Auch verbal), ist sowas sehr unwahrscheinlich. Jens Jessen aber meint wahrscheinlich immer noch, daß die zwei “Jugendlichen” (Sprich Intensivtäter mit ellenlangem Vorstrafenregister) vom bösen kleinen Rentner geärgert wurden der allein unbewaffnet und alt war, und das hier nicht der Raub das eigentliche und übliche Geschäft war, Raub und Freude daran Schmerzen zuzufügen.

Nun die Freude anderen Schmerzen zuzufügen kennt Jessen auch, bei ihm läuft das aber unter Provokation und das hat ihn in die Redaktion der Zeit getrieben, von wo aus er vorhatte unter gräfischer Oberaufsicht und bei guter Pension die Revolution vom Schreibtisch aus anzuführen. Sich glaubhaft von seiner Aussage zu distanzieren, oder sich bei dem pensionierten Schuldirektor öffentlich und demütig zu entschuldigen, soviel Anstand ist von ihm wahrscheinlich nicht zu erwarten.

Süddeutsche: Da wusste ich, die schlagen mich tot
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Wie meinte Jessen: „Man fragt sich doch, ob dieser Rentner, der sich das Rauchen in der Münchener U-Bahn verbeten hat, und damit den Auslöser gegeben hat zu einer zweifellos nicht entschuldigbaren Tat, eben sicher nur in einer Kette einer unendlichen Masse von Gängelungen, blöden Ermahnungen und Anquatschungen zu sehen ist, die der Ausländer, und namentlich der jugendliche, hier ständig zu erleiden hat. Und nicht nur der Ausländer. Letztlich zeigt der deutsche Spießer, um das böse Wort mal zu benutzen, doch überall sein fürchterliches Gesicht“

Und damit zeigte wohl eher der Schreiber selbst etwas Fürchterliches, das immer am besten vom Schreibtisch aus funktioniert und immer mit Ideologie gefüttert werden muss.