June 3, 2008

Conan der Barbar

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 12:44 pm

Der edle Wilde ist ein Konzept das wir Rousseau zuschreiben. Eigentlich liegt es aber viel tiefer. Schon weit vor Rousseau gab es die Verehrung des Naturzustandes des ursprünglichen und naturnahen Lebens. In fast allen Antiken Quellen lässt sich darüber etwas finden. Und heutzutage haben wir massenweise Belletristik die das Ideal des ursprünglich Wilden verehrt. Auch beim Marxismus und beim Faschismus stößt man auf die Verklärung dieses Urzustandes. Bei Marx der den Sündenfall der Zivilisation als Prozess der Ausbeutung beschreibt. Bei den Faschisten die auf Kampf, Volk und nordische Helden zurückgreifen. Aber auch Karl May siedelte seine Geschichten in zivilisationsfernen Gegenden bei reinen urtümlichen Stämmen an, die er sich in ihrer kindlichen Reinheit und Kampfmoral auch einfach erfand. Und auch Conan der Barbar ist ein solcher Fall von Rückgriff auf eine reine zivilisationsferne Welt, mit Kampfesmut und Magie. Genauso, wie auch der Herr der Ringe oder Star Wars, man könnte eine endlose Reihe bilden.

Das funktioniert deshalb so gut, weil solche Geschichten urtümlichen Gefühle in uns berühren und die dünne Zivilisationshaut für einen kurzen fiktiven Moment verschwinden lassen. Und besonders gut funktioniert das bei Kindern und Jugendlichen, die noch viel dichter an ihren ursprüngliche Gefühlen sind. Gewalt und Omnipotenz-Ideen sind sehr kindgerechte Vorstellungen, die den Menschen erst über einen langen Prozess von gesellschaftlichem Druck ausgetrieben worden sind. Kinder an die Macht, ist auch deswegen eigentlich eine sehr schlechte Idee. Denn in Wirklichkeit sind die Kinder nicht so lieb wie man sie sich so gerne antiautoritär ausmalt. Kinder sind von Natur aus eher selbstsüchtig und brutal, zivilisiertes Benehmen und Höflichkeit müssen anerzogen werden, und das dauert meist lang und bei manchem scheitert es trotz aller Bemühungen.

Insofern sind viele unserer modernen Mythen und Heldenerzählungen, wie wir sie heutzutage zumeist im Kinofilm und in Fernsehserien präsentiert bekommen, sehr kindgerechte infantile Schablonen. Und da sich die Menschen dort bedienen und dort ihre Vorbilder herholen, sieht man wie infantil die moderne Gesellschaft mittlerweile geworden ist. Karatekämpfende Xenas verhauen dort hunderte von bewaffneten Männern, und volltätowierte Lippenpiercing-Träger tauschen im letzten Moment die wichtigen Kristalle am Zentralcomputer aus.

Es gibt aber auch etwas Anderes was damit verbunden ist. Und zwar die Idee des Multikulturellen und das Zivilisationen von der Berührung mit vielen Kulturen profitieren und andere Konzepte schätzen lernen. Und das ist wirklich so. Einfache Kulturen und deren Weltbilder halten uns den Spiegel vor. Sie zerstören damit auch gerade genau diese Fiktion des edlen Wilden. Und, wir lernen ständig hinzu. Wir lernen etwas über Realität. Beispielweise über verschiedenste Ehrbegriffe und Verhaltensmuster. Die zivilisationsmüde gebärunfreudige Familie lernt, daß ihr Kind besser kein Einzelkind ist, und das es sich besser verteidigen kann wenn es mehrere Brüder in den Konflikt hineinziehen kann. Menschen die früher dem Gesetz vertraut haben lernen wieder bestimmte Gegenden zu meiden und wachsam in die Umwelt zu schauen. Man lernt auch, daß es besser ist in bestimmten Gegenden wieder Waffen zu tragen, oder sie besser ganz zu meiden. Man lernt besser nicht auf Staat und Gesetz zu vertrauen, da Staat und Gesetz keinen Schutz mehr bieten. Das Konzept der Gemeinschaft oder auch der Religion bekommt so wieder Schwung, weil die Menschen einen Rückhalt brauchen mit dem sie sich gegen das Andere abgrenzen können um in der Multikultur zu bestehen. Man kann also allerhand lernen. Nur wirkt das alles natürlich nicht integrativ, wie es sich die Ideologie des Multikulturalismus gedacht hat, es wirkt ausdifferenzierend. Und es führt letztlich zu mehr Gewalt und nicht zu weniger.

Den Menschen werden die Unterschiede bewußt. Und der Staat wird auf lange Sicht erkennen müssen, daß er eigentlich auf einer Zivilisationsstufe basiert, die vorher familiär weitergetragen wurde. Der Pazifismus der Deutschen beruht auf langer familiärer Erfahrung und ist kein Erziehungserfolg durch Medien. Und auch alle anderen Verhaltensmuster die wir als zivilisiert erkennen entstammen einer langen Tradition, in der die Menschen immer stärker gezähmt und kulturell  gezügelt wurden. Dieser Zivilisationsprozess ging in Deutschland über den 30. Jährigen Krieg, über den ersten Weltkrieg und über den zweiten Weltkrieg. Es brauchte hier die gesamte technische und gedankliche Entwicklung der Neuzeit. Und das was dabei herausgekommen ist, ist eine speziell westlich dominierte Zivilisation mit ihrer Technik und ihren humanistischen Vorzügen. Aber gerade diese Zivilisation setzen wir aufs Spiel, indem wir sie nicht schätzen und andauernd auf Grund von idealistischer Träumerei und Dummheit zur Disposition stellen.

Die Verklärung des Primitiven ist ein zweischneidiges Schwert. Zum Einen ist Unterhaltung die unsere immer noch primitiven Gefühle anspricht als Ablenkung und zur Triebabfuhr wichtig, und zum Anderen ist sie gefährlich, wenn wir sie zu ernst nehmen. Es ist gefährlich das Primitive und Gewalttätige als etwas Unberührtes, Reines zu verklären. Alle Vorzüge des modernen Lebens beruhen auf Zivilisation und Technologie. Es gibt keine paradiesische Natur. Die Natur ist immer der Feind, in uns und um uns. Für Löwen sind wir nur ein saftiges Steak und selbst unter Mikroben gelten wir nur als gute Mahlzeit. Das Prinzip der Dankbarkeit ist Bäumen völlig fremd.

Siehe auch:

Die Bio-Bestie

Rassismus ist eine Zeichnung aus Frankreich

2 Comments »

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  1. Eine Wikipedia-Definition von Kitsch:

    falsch im Ort (etwa: Erzeugnisse der Musikindustrie werden als Volksmusik ausgegeben)
    falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine heile Welt, die es nicht gibt)
    falsch im Material (etwa: Verwendung von Klischees statt echter Gefühle)!

    Rousseaous Wilder erfüllt diese Vorraussetzungen. Das ist bürgerlicher Kitsch, damals die Germania, die gen Westen drohte, heute der verklärte Wilde. In der Erscheinungsform unterschiedlich (weil wer will schon kitschig sein??), vom Wesen her dasselbe!

    Übrigens gut geschrieben Dein Artikel, Danke!

    Comment by geisteswelt — June 3, 2008 @ 9:03 pm

  2. Auch das wandelt sich andauernd, es gibt eigentlich keine wirkliche Möglichkeit Kitsch von Kunst zu unterscheiden. Denn es gibt kein Qualitätskriterium welches nicht völlig individuell ausgelegt werden kann. Selbst Kritiker haben keinerlei Kriterium. Der Zustand ist heute, was sich teuer verkauft ist wertvoll, und das ist eigentlich kein Qualitätskriterium. Das ist das einzige Qualitätskriterium in der bildenden Kunst in der der Begriff Kitsch am meisten als Ausschlusskriterium benutzt wird.

    Und es ist auch völlig anders als bei allen anderen Kunstformen. In der Musik gibt es zwei Kriterien, das eine sagt, “was alt ist ist gut”, und das andere behauptet “was sich massenhaft verkauft ist gut”. Das zweite Argument ist das eigentliche Argument, das erste gilt nur für die “Klassik”, und ist eigentlich ein Überbleibsel feudaler Tradition und ein besonderer Bezug zu einer bestimmten Zeitepoche in der einige wenige eine Menge Noten hinterlassen haben. Letztlich ist unsere alte Musik natürlich interessant, aber nur diesen bestimmten Zeitraum als “Kultur” zu achten ist schon ein wenig borniert und auch eigentlich ein beliebtes Abgrenzungsmittel von Leuten die auch ansonsten gerne den Finger abspreizen

    Aber im Grunde gilt in der Musik das Verkaufsargument. Und das Verkaufsargument gilt eigentlich bei jeder Kunst. Was sich gut verkauft ist auch gut. Und dadurch können wir auch die Unterschiede in der Kultur abgrenzen. Bildende Kunst ist kein Massenwerk sie erhält sich über Jahrhunderte und man kann mit ihr spekulieren. Das Speklultionsobjekt muss also über eingeführte Kriterien künstlich verknappt werden. Die einzige und letzte Möglichkeit der Verknappung und damit der Erstellung einer Werthaltigkeit, war die Kopplung an einen Namen, der über undurchsichtige Prozesse eines abegeschlossenen Marktes gebildet werden kann.

    Musik ist ein Massenprodukt und lebt vom Massenverkauf, dort gilt, was sich viel verkauft ist gut, und bei Büchern ist es genauso. Das einige Produkt sich mit bestimmten Gütesiegeln versehen, ist nur oberflächlich ein Unterschied.

    Um aber auf Rousseaus Wilden zurückzukommen, der ist ein anderes Phänomen. Mit Kitsch oder Kunst würde ich das nicht verbinden. Es ist populär, aber nur weil es populär ist und Kitschig benutzt werden kann ist es noch kein Kitsch. Ich halte “das gute Wilde”, vielmehr für ein Urmotiv, das sich schon im Alten Testament und den Vorläuferschriften finden lässt. Der gute Wilde ist eigentlich der Mensch aus der Vorzivilisation, der Jäger, der Mensch der noch frei lebt weil er die Struktur der Ackerbauern und damit den Krieg und den Staat, also die Zivilisation nicht kennt.

    Comment by luclog — June 3, 2008 @ 10:21 pm

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