April 17, 2008

Vorurteile

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 12:51 pm

Ich habe gerade mal wieder etwas gelesen in dem das Wort “Vorurteil” vorkommt. Das Wort "Vorurteil" ist auch so ein sehr beachtenswertes Wort aus dem reichen Schatz der Wörter mit rhetorischem Verdrehungspotential. In der herkömmlichen Sicht ist ein Vorurteil immer erstmal schlecht. Man kennzeichnet damit ein Urteil das auf unzureichendem Wissen oder einem unzureichendem Erfahrungsschatz basiert. So kurz so einfach. Aber auch das ist ein Vorurteil.

Denn in einer Welt die niemals bis zum letzten durchdrungen worden ist, ist letztlich jedes Wissen und jedes Argument ein Vorurteil welches auf weiteren Vorurteilen basiert, die einem dann auch noch von anderen Leuten mit noch mehr Vorurteilen nahegelegt werden. Der Unterschied zwischen einem “Urteil” und einem “Vorurteil” ist im Grunde rein semantisch. Es ist pure Rhetorik. Wenn jemandem in einer Diskussion ein Vorurteil vorgeworfen wird, bedeutet es im Grunde nichts anderes als “Blödmann”, “Dummkopf”, oder “Du hast ja keine Ahnung”.

Jedes beliebige Urteil kann von jedem anderen in einer Diskussion zu einem Vorurteil erklärt werden. Und da jeder immer denkt, daß er in jeder Situation über das beste Urteilsvermögen verfügt, sind die Vorurteile immer auf der anderen Seite. Die eigenen Auffassungen sind immer Urteile. Und das, obwohl eigentlich immer jedem klar sein müßte, daß der Informationsstand sich in den meisten Fällen sehr schnell ändern kann und sich auch oft ändert.

Das “Vorurteil” ist also oft Bestandteil einer Argumentation die sich selbst einen unangreifbaren Wissensvorsprung zuspricht, obwohl die dann nachfolgenden Erklärungen meist voller unbegründbarer Vorurteile sind.

In Wirklichkeit brauchen wir Vorurteile. Wir brauchen vorgefasste Meinungen und schnelle Bewertungen andauernd im täglichen Leben, und kommen ohne sie überhaupt nicht aus. Gerade in Diskussionen überlebt derjenige am besten und wirkt souverän, der über ein großen Schatz an unverrückbaren Vorurteilen verfügt. Denn jedes konsistent wirkende Weltbild, und jede konsistent wirkende Meinung, ist nichts anderes als ein große Ansammlung von schnell verfügbaren vorgefertigten Urteilen. Das Vorurteil ist vielmehr die Grundlage fast jeder funktionierenden politischen Haltung.

Und jede dieser vorurteilsbeladenen politischen oder gesellschaftlichen Haltungen, reklamiert für sich ganz natürlich und immer die Vernunft und die beste Urteilskraft. Aber wie man leicht feststellen kann ist auch das nur ein Vorurteil.

4 Comments »

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  1. Genau genommen hast Du Recht, schon weil kein Mensch die Welt so wahrnimmt wie sie ist, sondern schon rein biologisch bedingt einen Ausschnitt aus ihr, den er nochmal durch eine Reihe von gehirninternen “Filtern” jagt (also mit Vorurteilen anreichert), bis das Ganze dann bewusst (und gewusst) wird. Wir sind also nicht objektive Messgeräte zum “vermessen” der Wirklichkeit. Aber genauso wie kein Weg an Vorurteilen vorbeiführt, führt kein Weg an der qualitativen Unterscheidung von besseren und schlechteren Vorurteilen vorbei. “Neger sind dümmer als Weiße” ist ein mieseres Vorurteil als “Frauen können nicht Auto fahren”, die Fahrschwäche ist ein mieseres Vorurteil als “Schotten sind geizig” u.s.w. Die qualitative Hierarchisierung der Vorurteile erfolgt aufgrund empirischer/historischer Bewertungen, gesellschaftlicher Funktionen und angenommener Folgen / Ideologie. Daran führt auch kein Weg vorbei. Man kann Deine gute Beobachtung also noch ergänzen, wenn schon, sind die “guten Vorurteile” immer auf der eigenen Seite, die “schlechten” auf der der anderen.

    Comment by NUB — April 17, 2008 @ 1:38 pm

  2. @ NUB

    Ich denke nicht, daß die Bewertung von Vorurteilen versus Urteilen auf Empirie zurückzuführen ist. Wir leben in einer Welt in der eigentlich immer nur eine Begründung als Wahrheitskriterium herangezogen wird, das Argument der Menge. Unser modernes Wahrheitsempfinden ist durch und durch demokratisch. Wahr ist für uns das, was die größte Menge behauptet.

    Und das ist in der Wissenschaft genauso wie in der Religion und Politik oder der Wirtschaft, wer es schafft eine große Menge zu überzeugen hat erstmal recht. Falls sich später herausstellt, daß eine Position oder eine Wahrnehmung völlig falsch war, ändert es nichts an der Glaubwürdigkeit und dem Rechthabevermögen der Masse. Das ist besonders in der Wissenschaft ein großes Fortschrittshemmnis – aber auch allgemein.

    Das beste Beispiel bietet der grandios gescheiterte Sozialismus. Kaum ein Anhänger des Sozialismus nimmt das zum Anlass die eigene Ideenwelt auf den Prüfstand zu stellen.

    Gregor Gysi hat in einem Kirchensymposium das im Fernsehen übertragen wurde, aus der eigenen unselbstkritischen Position heraus die Sache auf den Punkt gebracht.

    “Sein großer Trost beim Zusammenbruch des Sozialismus war die Katholische Kirche”, so Gysi. “Auch diese wartet seit 2000 Jahren auf das Eintreffen ihrer Heilsversprechen.”

    Dann kann der Sozialismus auch ruhig ein paar Niederlagen einstecken. Man darf als Utopist halt nicht so schnell aufgeben.

    Und er hat natürlich Unrecht, daß es Gruppierungen gibt die über tausende von Jahren etwas falsches behaupten, liefert natürlich keine Begründung dafür, daß man ebenso im Irrtum verharren muss.

    Bizarrerweise hätte eine solch starrsinnig konservative Haltung die Entstehung des Christentums genauso verunmöglicht wie auch die Entstehung alle sozialistischen Ideen. Denn wenn man sich so gegen jeden Wechsel abschottet, hätte es überhaupt nie eine zivilisatorische Entwicklung gegeben.

    Comment by luclog — April 17, 2008 @ 4:06 pm

  3. Nun, hätte es z.B. das Dritte Reich nicht gegeben, womöglich hätten wir die NSDAP im Bundestag. Wir haben jetzt die Linke im Bundestag, die anders bewertet wird als die NPD. Z.B. Mit Geschichte, also Erfahrungen und deren Bewertung hat das durchaus zu tun.

    Comment by NUB — April 17, 2008 @ 5:50 pm

  4. @ NUB

    Ich habe mich eigentlich nur an dem Wort Empirie gestört. Was ja darauf hinweist, daß ganz allgemein logisches Schließen zu Urteilen führt. Zwar wird auch immer logisch geschlossen, aber die Grundlage des Schließens ist immer Erfahrung und Wissen. Auch die Qualität der Schlüsse kann sicher schlecht sein. Aber meist hakt es schon davor, die meisten Schlüsse basieren auf falscher oder unzureichender Grundlage. Und in den allermeisten Fällen wird auch garnicht wirklich nur geschlossen, sondern man schließt sich einer Meinung an weil sie einem plausibel erscheint. Wenn uns etwas das plausibel klingt aus einer Ecke entgegenkommt die wir als Autorität wahrnehmen, wird es meistens geschluckt.

    Und dann glauben wir allerhand dummes Zeug. Beispielsweise die Landbrückentheorie, oder das Magengeschwüre durch Stress entstehen. Und noch früher hat man noch mehr Unfug als pausibel angenommen. Und alle Zeitgenossen sind sich zu ihrer Zeit immer sicher, daß sie keinen Irrtümern die so gelagert sind aufsitzen. Und die heutige Zeit scheint mir diesbezüglich besonders selbstgefällig. Wir sind eigentlich mittlerweile ziemlich Fortschrittskeptisch geworden und erfreuen uns mehr an modischer pseudo Primitivität als an Entwicklung.

    Ich glaube zwar auch, daß eine qualitative Hierarchisierung besonders bei der moralischen Bewertung von Vorgängen in der Geschichte besteht. Aber ich denke nicht, daß diese empirisch begründet ist. Es ist einfach nur das eine ganze Menge von Menschen mit Diktatur und Krieg schlechte Erfahrungen gemacht haben. Was aber der Auslöser von Dikatur und Krieg ist, darüber bestehen jetzt bei den verschiedensten Gruppierungen wieder die verschiedensten Ansichten. Das wäre dann auch wieder eine ganz andere Diskussion. Und desto ferner die Geschichte desto mehr wird in die Geschichte hineinprojeziert. Geschichte ist ja immer nicht nur Wissenschaft, sie ist auch immer Feld der Propaganda. Schon vor Urzeiten haben sich die größten Räuber immer auf die Geschichte berufen.

    Comment by luclog — April 17, 2008 @ 9:00 pm

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