Vorurteile
Ich habe gerade mal wieder etwas gelesen in dem das Wort “Vorurteil” vorkommt. Das Wort "Vorurteil" ist auch so ein sehr beachtenswertes Wort aus dem reichen Schatz der Wörter mit rhetorischem Verdrehungspotential. In der herkömmlichen Sicht ist ein Vorurteil immer erstmal schlecht. Man kennzeichnet damit ein Urteil das auf unzureichendem Wissen oder einem unzureichendem Erfahrungsschatz basiert. So kurz so einfach. Aber auch das ist ein Vorurteil.
Denn in einer Welt die niemals bis zum letzten durchdrungen worden ist, ist letztlich jedes Wissen und jedes Argument ein Vorurteil welches auf weiteren Vorurteilen basiert, die einem dann auch noch von anderen Leuten mit noch mehr Vorurteilen nahegelegt werden. Der Unterschied zwischen einem “Urteil” und einem “Vorurteil” ist im Grunde rein semantisch. Es ist pure Rhetorik. Wenn jemandem in einer Diskussion ein Vorurteil vorgeworfen wird, bedeutet es im Grunde nichts anderes als “Blödmann”, “Dummkopf”, oder “Du hast ja keine Ahnung”.
Jedes beliebige Urteil kann von jedem anderen in einer Diskussion zu einem Vorurteil erklärt werden. Und da jeder immer denkt, daß er in jeder Situation über das beste Urteilsvermögen verfügt, sind die Vorurteile immer auf der anderen Seite. Die eigenen Auffassungen sind immer Urteile. Und das, obwohl eigentlich immer jedem klar sein müßte, daß der Informationsstand sich in den meisten Fällen sehr schnell ändern kann und sich auch oft ändert.
Das “Vorurteil” ist also oft Bestandteil einer Argumentation die sich selbst einen unangreifbaren Wissensvorsprung zuspricht, obwohl die dann nachfolgenden Erklärungen meist voller unbegründbarer Vorurteile sind.
In Wirklichkeit brauchen wir Vorurteile. Wir brauchen vorgefasste Meinungen und schnelle Bewertungen andauernd im täglichen Leben, und kommen ohne sie überhaupt nicht aus. Gerade in Diskussionen überlebt derjenige am besten und wirkt souverän, der über ein großen Schatz an unverrückbaren Vorurteilen verfügt. Denn jedes konsistent wirkende Weltbild, und jede konsistent wirkende Meinung, ist nichts anderes als ein große Ansammlung von schnell verfügbaren vorgefertigten Urteilen. Das Vorurteil ist vielmehr die Grundlage fast jeder funktionierenden politischen Haltung.
Und jede dieser vorurteilsbeladenen politischen oder gesellschaftlichen Haltungen, reklamiert für sich ganz natürlich und immer die Vernunft und die beste Urteilskraft. Aber wie man leicht feststellen kann ist auch das nur ein Vorurteil.
