O Brother where are Thou?
Und mal wieder ein kleiner Beserwisser-Artikel über die merkwürdigen Tücken der Wahrnehmung. Da in vielen amerikanischen und englischen Betrieben das "You" benutzt wird denken viele die vom Klangbild her ausegehend: Yu = Du. Es ist aber genau andersherum wie ich auch überascht über USA-Erklärt erfahren habe.
Wikipedia die man in fast allen unpolitischen Besserwissenfragen bedenkenlos benutzen kann schreibt dazu:
Früher unterschied das Englische zwischen Singular und Plural. Thou bedeutete dasselbe wie du und you dasselbe wie euch. Später wurde you ein förmliches Pronomen wie das deutsche Sie. Man kann dies in einem Durchgang von Shakespeares Hamlet sehen:
Queen: “Hamlet, thou hast thy father much offended.” („Hamlet, du hast deinen Vater sehr verletzt.“)
Hamlet: “Mother, you have my father much offended.” („Mutter, Ihr habt meinen Vater sehr verletzt.“)
Lustig wird es aber eigentlich erst dadurch für mich, daß diese Sache schon wieder eine kompletten Überschlag gemacht hat. Denn gerne wird in deutschen Betrieben und Runden – die sich dem Englischen gerne anpassen möchten – die allgemeine Duzerei, also die Verniedlichung des Gegenüber, zu der modernen Umgangsform erklärt. Oftmals eben mit dem Verweis auf die USA. Dabei ist es genau entgegengesetzt, die angloamerikanische Kultur die hier nachgeahmt werden soll, ist viel höflicher und siezt alles. Und ich denke bei dem Zugang zu freien Waffen über Jahrhunderte hat das z.B. in den USA auch triftigen Grund. Das aber in Deuschland eine eigentlich respektlose und beleidigende Verniedlichung und Verkindlichung der Person, als modern und charmant angesehen wird, ist wohl auch wieder nur Symptom für die allgemeine Anfälligkeit der deutschen Nachkriegsgesellschaft für jede Infantilitiät (Oder auch ein Zeichen für die Übermacht von Parteien in denen das Genossen-Du überwiegt).

Moment mal, dann werden im Englischen auch Säuglinge gesiezt?
Aber ist nicht eine Sprache, die eine vertraute und eine respektvolle Anrede kennt nicht viel aufmerksamer als eine, die nur eine kennt und die andere anscheinend vergessen hat?
Comment by geisteswelt — February 9, 2008 @ 12:13 am
Zuallererst ist sie wahrscheinlich eins, komplizierter. Zum anderen kann sie aber wohl auch mehr Untertöne und Schattierungen. Ich würde das zweite deshalb vorziehen, ein mehr an sprachlicher Ausdrucksmöglichkeit erscheint mir erstmal besser. Deswegen zieht das Deutsche ja auch noch Latein, Griechisch, Französisch und Englisch hinzu, anders wären viele Gesprächsrunden unter Fachleuten völlig undenkbar.
Comment by luclog — February 9, 2008 @ 2:37 am
…anders wären viele Gesprächsrunden unter Fachleuten völlig undenkbar.
Für Deutsche?
Comment by geisteswelt — February 9, 2008 @ 4:15 pm
Ja, schau mal Fernsehrunden mit intellektuellem Anstrich, die kennen Worte aus dem Latein die das Latein nichtmal kannte, und beim Englischen ist es ebenso. Aber auch vom Arzt über den Computerfachmann bis zum Wirtschaftswissenschaftler arbeitet jede Gruppierung zuallererst daran einen undurchdringlichen Dschungel von Fachbegrifflichkeit zu entwickeln, um aus dieser Vorteilsposition heraus den jeweiligen Kunden erstmal in die Defensive zu drängen.
Comment by luclog — February 9, 2008 @ 5:13 pm
um aus dieser Vorteilsposition heraus den jeweiligen Kunden erstmal in die Defensive zu drängen.
So ist es. Wobei nicht nur die Begriffe selber dazu verwendet werden, Kunden forciert zu überzeugen; auch die Aura, die die Begriffe umgibt, meist noch an einen Hype oder vermeintlich gesicherte Erkenntnisse und Erfahrungen geknüpft, soll dazu beitragen, dass der Kunde resigniert und schließlich “Macht halt was Ihr meint” sagt. Und am besten, man hält diese Vorteilsposition “Wir machen das”, “Wir beherrschen das” auch dann noch konsequent durch, wenn das Bild hier und da bereits Risse hat.
Aber das sind wohl durchaus verallgemeinerbare Strategien des Marketing und der Geschäftsführung…Wenn auch in der IT besonders penetrant. Es erinnert aber auch daran, wie manche Versicherungsleute Versicherungen verkaufen.
Comment by NUB — February 14, 2008 @ 2:44 pm
@ NUB
Da fällt mir ein die IT ist sicher nicht der schlimmste Bereich. Der schlimmste Bereich und Vorreiter ist die Autoindustrie. Da entwickelt sogar jede Marke ungebremst ihre Eigenen Fachbegrifflichkeit. ABS ist da nicht ABS. Ich glaube auch das die IT dort alles Marketingsprachliche und besonders die bewußte markttechnische Handhabung von Inkompatibilitäten maßgeblich abgeschaut hat, das geht bis hin zur Verblombung und dem Nutzen spezieller Schrauben, als Kampf gegen jede DIN-Norm.
Comment by luclog — February 22, 2008 @ 1:31 pm
@ Geisteswelt
Es gibt nun eine Erweiterung bei USA erklärz zum Sie und Du. Und da wird nochmal explizit ausgeführt, das Sprecher des Englischen sogar ihre Katzen duzen.
Comment by luclog — February 22, 2008 @ 1:35 pm
@7 luclog:
”Möchten Sie nach draußen, geehrte Katze?” Die Angelsachsen siezen ihre Tiere!
Aber das nur nach rein historischem Aspekt. Im täglichen Sprachgebrauch unterscheiden sie heute wirklich nicht mehr, weil sie ja kaum eine Möglichkeit haben zu unterscheiden, wo es keinen Unterschied mehr gibt. Wenn es förmlich sein soll benutzen sie eher Titel wie “Sir”, “my friend” oder “Mister”, wobei letzteres als unfreundlich oder “hart” empfunden wird.
Die Liebe der Deutschen zum “Fachsimpeln” ist auch signifikant. Man nehme nur mal ein naturwissenschaftliches Buch von einem deutschen Prof.und vergleiche es mit ähnlichen, amerikanischen Lehrbüchern. Die Amerikaner schreiben wirklich, wie sie zu welcher Erkenntnis kommen, während die Deutschen sich hinter Fachbegriffen verschanzen und man den Eindruck gewinnt, der Prof. hätte das dieses Buch nur geschrieben, um anzugeben. Irgendwie wirkt sich in solchen Dingen noch das alte Obrigkeitsdenken aus…
Comment by geisteswelt — February 22, 2008 @ 5:17 pm