November 22, 2007

Der Massenarbeiter

Filed under: Zeitgeist, Automatisation - luclog @ 2:45 pm

An dem Fallbeispiel "freier Journalismus" kann man auch sehr schön sehen, wie es in einer weitestgehend liberalisierten Wirtschaft so weiter geht. Das eigentliche Problem der Gesellschaft ist und bleibt die Automatisation, das ist schon seit ca. 200 Jahren so und verschärft sich immer weiter. Was machen die Zugfüher wenn es das Berufsbild nicht mehr gibt, oder man jeden dahinstellen kann um den Totmannschalter zu bedienen? Dadurch, daß sich die Massen der Industriearbeiter aufgelöst haben, sind auch die Gewerkschaften als Vertretung des Arbeiters massiv geschwächt. Arbeiter die in keiner ständischen Statistik einer, bspw. Metaller, Gewerkschaft auftauchen sind auch keine mehr. Die Masse der spezialisierten und aufgeteilten Berufe, lässt sich kaum noch zu einer gesellschaftlichen Kraft bündeln.

Jedes Versagen eines Einzelnen, wird nur noch als Einzelschicksal gewertet, als Versagen des Individuums, das die Gruppe nicht betrifft. Was es dann bestenfalls gibt, sind gute Ratschläge: "Sie müssen beweglich sein". Da arbeiten hunderttausende, ohne Netz und doppelten Boden, nur auf das Versprechen und den möglichen Durchbruch hin (Wenn es erstmal läuft), am Rande des wirtschaftlichen Abgrundes. Und durch die Veränderungen im Sozialsystem, haben sie wenn sie einmal abrutschen auch fast keine Möglichkeit mehr, dieser Situation zu entkommen (Krankheiten darf es nicht geben). Sie werden das, was die Gesellschaft von Bürokraten aus ihnen machen will: Verwaltungsgegenstände. Die meisten aber wollen das als Allerletztes sein, und so wird eine Wut produziert die sich dann irgend wann gegen dieses gesellschaftliche System richtet. Vorbei an Parteien und Gewerkschaften die man nicht mehr als Vertretungen der eigenen Interessen wahrnimmt.

Noch funktioniert es zwar, daß man jede persönliche Geschichte des wirtschaftlichen Nichterfolgs als eine Bündelung individueller Fehler darstellen kann. Aber irgendwann werden es einfach zu viele, um diese Geschichte noch weiter zu glauben. Die Fälle wie der von Gabriele Bärtels häufen sich und werden sich weiter häufen. Sie werden sich auch weiter in anderen Berufsgruppen häufen, da immer mehr Berufe und immer spezialisiertere Tätigkeiten durch die Automatisation, nicht sofort verdrängt, aber genügend gestrafft werden. Auch das Management wird weniger, alle sind davon betroffen, daß sich immer mehr um immer weniger werdende Arbeitsplätze streiten.

Und eine Liberalisierung, die man oft als das gute Wirken freier Kräfte am Markt idealisiert, hilft keineswegs. Die Grundlage einer solchen Vorstellungswelt ist ganz einfach. Es ist das Gesetz des Stärkeren was sich bei einer radikal liberalisierten Gesellschaft durchsetzt. Nichts Anderes. Das ist ein Widerspruch zu jeder Zivilisation, und im traditionellen Bild, eines "Zurück zum urtümlichen freien Wirtschaften", sogar sehr ähnlich zum Marxismus, und noch ähnlicher zu den wirren Vorstellungen eines Bakunin. Es gibt leider kein Zurück in eine vortechnologische Gesellschaft, und wenn man die technologische Gesellschaft sozialverträglich gestalten will, muss man letztlich umverteilen. Wenn das nicht einigermassen gerecht geschieht, wird es für die Gesellschaft insgesamt gefährlich. Es bilden sich ansonsten große Wirtschaftsmonopole die, am Staat vorbei, ihre Macht solange bündeln bis das gesamte System kollabiert. Denn die Wirtschaft schafft es ihre Interessen zu bündeln und zu vertreten. Berufsgruppen die keine mehr sind schaffen das nicht. Und die Wirtschaft hat eines nie gelernt und wird es nie lernen, für eine vernünftige Wirtschaft ist eine funktionierende Gesellschaft das Hauptziel. In der Wirtschaft denkt man immer noch das Gewinnmaximierung ein Ziel wäre. Gewinn ist aber völlig substanzlos wenn die Gesellschaft nicht funktioniert.

Weitere Texte dazu:

1) Automatisierung

2) Überflüssige Menschen durch chinesische Konkurrenz

Der arme Journalist

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 1:07 pm

Irgendwie bin ich sowieso, beim letzten Beitrag über den Fall des Amoklaufs von Köln der keiner war einwenig auf den Irrweg der Journalistenschelte abgedriftet. Aber machen wir uns nichts vor, der Journalismus ist ein hartes Brot. Und es gibt hundertausende die vorzüglich schreiben können, aber trotzdem nie dafür bezahlt werden. Und auch selbst bei denen die dafür bezahlt werden, sieht es, wenn sie es nicht in Festanstellung des besoldeten Redakteurs geschafft haben, garnicht so gut aus. Die wichtigen Posten innerhalb der Redaktionen sind sowieso von einer Elite belegt die meist alt ist und scheinbar einem anderen Karrierweg beschritten haben als den des freien Journalisten. Und bei vielen größeren Artikeln, werden dann auch noch ganz andere gefragt: Da schreibt dann ein bekannter Lobbyist aus der Wissenschaft über die Erderwärmung, oder ein Politiker über die Medienlandschaft, oder ein Naturforscher über den Regenwald. Und für die kleinen Meldungen werden eigentlich keine Journalisten gebraucht, da reicht ein Praktikant, der die Tickermeldungen einwenig in Form gebracht ins jeweilige Blatt setzt. Das Leben des einfachen Journalisten sieht, dann doch anders aus als man gemeinhin denkt. Und wer ist hier mal wieder verantwortlich? Es ist eigentlich die böse Technik die durch ihre Rationalisierung, die eigentliche Arbeit so vereinfacht, daß ein altes (nicht sehr alt, aber schon älter) Berufsbild immer stärker banalisiert wird. Und außerdem wird der Konkurrenzdruck erhöht, weil die eigentliche Arbeit auch für Berufsfremde immer leichter ausfzuführen ist. Hier ein eindrücklicher Bericht aus der Zeit von Gabriele Bärtels.

Siehe auch:

1) Hallo, Herr Literat 

2) Presse gegen Blog 

3) Geschändete Medien