Presse im Amokfieber
Wenn ich noch mehr von diesen Panikartikeln lese laufe ich Amok. Und ich habe auch schon eine Blumenspritze im Haus, die ich dann mit brutal hartem Wasser füllen werde. Es war auch wirklich zu schön, die vermeintlichen Täter endlich mal wieder: weiß, männlich, deutsch und Versager. Schon bei der Präsentation der Fotos der angeblichen Tatwerkzeuge läuteten bei mir die Alarmglocken: Einen Pfeilpistole? Da wäre ja eigentlich jedes Butterbrotmesser geeigneter zum Massenmord. Aber die Presse hatte sich bei dieser politisch korrekten Fallstudie schnell auf Panik eingeschossen und kommt auch scheinbar bis jetzt nicht mehr davon weg – die ganzen vorbereiteten Artikel, mit den teuren Telefoninterviews mit Leitern von Instituten für Gewaltprävention, müssen ja irgendwo untergebracht werden.
Richtigstellungen die den Namen auch verdienen würden gibt es hingegen in unserer Presse nicht. Es gibt auch eigentlich kaum etwas was so völlig ohne Selbstkritik vor sich hinarbeitet wie unsere Presse. Da wird ein solcher Unsinn verbreitet, daß einem beim Lesen die Augen tränen; Selbstkritik kann man aber von den Premiumerzeugnissen und ihren Edelfedern nicht erwarten. Da schimpft man lieber gegen Blogs, die aber nach meinem Befinden ihre Quellen oft besser recherchieren und absichern als unsere Premiumpulikationen. Schon bei Ansicht des präsentierten Waffenarsenals hätte doch eigentlich jeder stutzig werden müssen. Insbesondere ein Kriminalist der seinen Namen verdient, oder auch ein Journalist der zwei und zwei zusammenzählen kann. Dieser Fall erhöht nicht gerade das Vertrauen in diese beiden Berufsgruppen, die eigentlich sehr wichtige gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen; und ansonsten (wie gern in Film und Fernsehen dargestellt) an liegengebliebenen umgestürzten Vasen, mittels detektivischem Scharfsinn, die verworrendsten Fälle lösen. Er passt aber mal wieder mehr zu der Wirklichkeit in der ich lebe, bei der in allen möglichen Fällen Akten verschlurt werden oder Spuren zertrampelt.
Der eigentliche Fall stellt sich so dar:
Ein Schüler wird von seiner Klasse verpfiffen, weil er wahrscheinlich mit Amoklaufdrohungen aufgefallen ist. Soweit so richtig und gut. Daraufhin wird er zum Rektor berufen, der – auch richtig – führt mit ihm eines dieser einfühlsamen Gespräche für die unsere Pädagogen psychologisch ausgebildet sind. Kurz danach bringt sich der vermeintliche Amokläufer um – dabei wollte er sich wahrscheinlich nur wichtig machen und Angst verbreiten (was ihm gelungen ist). Er tötet sich nach diesem Gespräch (bei dem, wie ich dann wieder späteren Meldungen entnehme, auch die Polizei zugegen war) dann selbst, indem er sich vor eine Bahn wirft. Die Polizei untersucht seine Wohnung und findet Verbindungen zu einem Freund. Dieser wird erstmal verhaftet, die Meldung "Amoklauf von der Polizei verhindert" wird an die Presse gebracht, und versetzt Deutschland in Angst und Schrecken und die Presse in nichtendenwollende, wohlige Panik. Fotos des furchteinflößenden Sportwaffenarsenals gehen an die Presse (Paintballpistolen, und eine Sportarmbrust). Deutschland ist entsetzt, denn das erscheint alles als sehr gefährlich. Und die Quelle ist ja amtlich.
Später wird dann gemeldet:
Die beiden Jugendlichen, die nach ersten Ermittlungen den Amoklauf an einer Schule geplant haben sollen, hatten ihr Vorhaben nach Angaben der Staatsanwaltschaft bereits vor [Anm.: genauer, einen Monat davor] ihrer Entdeckung durch die Polizei wieder aufgegeben. Die Aussage eines festgenommenen 18-jährigen Schülers, die Tat abgelehnt zu haben, habe sich bestätigt, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Alf Willwacher am Montag. Danach habe auch sein mutmaßlicher Komplize allein keinen Amoklauf verüben wollen. Eine sichergestellte Armbrust sei zudem nicht zu gebrauchen gewesen.
Noch am Wochenende hatte die Polizei bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz berichtet, einen Amoklauf in letzter Minute verhindert zu haben. Dabei habe es sich um einen "Schnellschuss" gehandelt, räumte Willwacher nun ein.
Der 18-Jährige sei auf Grundlage der neuen Erkenntnisse gar nicht mehr dem Haftrichter vorgeführt worden, sagte der Staatsanwalt weiter. Er halte sich nun auf eigenen Wunsch in der Psychiatrie auf.
Nun gibt es jede Menge Panik hinterher: In Karst setzt ein weiterer Verdacht eine Hundertschaft der Polizei in Bewegung. Hier kommt der Tipp von finnischen Sicherheitsbhörden. Die müssen sich ja an deutschen Schulen auskennen, das ist sofort evident. Die Schule wurde geräumt, die Presse ist in Aufruhr. Panik macht sich breit, jeder fühlt sich in Gefahr. Und bei weiterer Chatraumüberwachung wird es wahrscheinlich noch mehr solcher Einsätze geben. Denn man wird durch noch mehr und verbesserte Überwachung solcher Chaträume auf noch mehr Geschwätz stossen. Das ist als würde man in jedem Kinderzimmer mithören. Was sich Schüler aber in ihren Phantasien ausmalen und womit sie sich in elektronischen, vermeintlich annonymen Räumen weltweit wichtig tun, kann keine Grundlage für solche Einsätze sein. Da sollten schon stärkere Verdachtsmomente bestehen. Diese Form von Panik führt nur dazu, daß psychisch labile Jugendliche merken, daß sie mit solchen Drohungen etwas bewirken können, und zwar große mediale Aufmerksamkeit und Angst bei Erwachsenen. Nachahmungstäter werden das ausnutzen und sind weiter zu erwarten. Es ist natürlich absolut notwendig, daß einem solchen Verdacht erstmal nachgegangen wird. Aber man sollte sich der Presse gegenüber etwas vorsichtiger äussern und solche Sachen vielleicht auch erstmal einwenig tiefer hängen – bis man Klarheit hat.
Die alten Panikversionen über den Fall in Köln stehen aber immer noch so im Netz. Ein Link auf ein Update, und die neue Sachlage, ist für Zeitungen im Netz technisch noch nicht lösbar: Beispiel Netzzeitung.
Aktualisierung: Mir ist dann noch nachträglich eine Variante der positiven Verschwörung eingefallen, bei der ein äußerst gerissener Medienstab bei der Polizei das alles völlig bewusst duchdacht lanciert hat, und die Presse dabei dann mitspielte. Als die Polizei wusste, daß sich der Täter das Leben genommen hat, hat dort jemand erkannt, daß dies eine gute Warnung für alle ist, die mit solchen Gedanken herumspielen und sich damit im Internet oder auf Schulhöfen profilieren. Daraufhin wurde die Tat für die Medien aufbereitet und in dramatisierter Form weitergegeben. Wohl wissend, daß nichts älter ist als die Zeitung von Gestern und das Drama hängen bleibt. Und zum Heldenepos taugt diese traurige Geschichte auch nicht. Man sollte die Polizei nie unterschätzen

Fotos des furchteinflößenden Sportwaffenarsenals gehen an die Presse (Paintballpistolen, und eine Sportarmbrust). Deutschland ist entsetzt, denn das erscheint alles als sehr gefährlich. Und die Quelle ist ja amtlich.
Da konnte ich auch nur innerlich den Kopf schütteln. Gut, Wattebäuschchen sind das auch keine, aber im Vergleich zum Arsenal aus der Columbine Highschool, oder im Vergleich zu Robert Steinhäusers Waffen… Die Polizei hat ihren Erfolg und die Presse ihre Hysterie.
Es folgt bestimmt demnächst eine Spiegel-Reihe “Interviews mit Egoshooter-Spielern und Sportschützen”, darin Suggestivfragen “Hast Du schon mal an Selbstmord gedacht?”, “Magst Du Deine Lehrer und Deine Mitschüler?”…
Comment by NUB — November 20, 2007 @ 6:08 pm
Merkwürdigerweise entsteht so in den Köpfen mal wieder eine echte Bedrohungslage. Und jede Menge Trittbrettfahrer hat es auch auf den Plan gerufen. Das eigentlich alles ziemlich kopflos, und nicht gerade sicher. Besonders beängstigend finde ich mittlerweile wie dumm die Presse alle Tickermeldungen abschreibt. Hauptsache es ist eine anerkannte Quelle, dann wird selbst der größte Quatsch geschluckt. Das merkt eigentlich besonders in den Teilen der Presse, die sich mit etwas befassen womit man sich wirklich auskennt. Ich kenne keinen, der irgendeine fachliche Kompetenz hat, der nicht völlig entgeistert darüber ist was die Presse aus seinem Fachgebiet so vermeldet.
Comment by luclog — November 20, 2007 @ 9:11 pm
Ich kenne keinen, der irgendeine fachliche Kompetenz hat, der nicht völlig entgeistert darüber ist was die Presse aus seinem Fachgebiet so vermeldet.
Welche Beispiele kennst Du dafür?
Comment by NUB — November 21, 2007 @ 1:21 pm
Ach ja, ich habe den Artikel jetzt noch aktualisiert und eine weitere Variante eingebaut, die dann selbst Monk gegen die deutsche Polizei alt aussehen lässt.
Comment by luclog — November 21, 2007 @ 5:27 pm
Welche Beispiele …
Eigentlich alle die ich kenne.
Dann sag halt mal eins. Interessiert mich.
Comment by NUB — November 21, 2007 @ 8:01 pm
Ich habe leider kein Gedächtnisprotokoll. Vergleich es doch am Besten mit Artikeln über Dein eigenes Fachgebiet, wenn Du meinst das ist alles meist richtig und akkurat, hast Du ein Gegenbeispiel.
Comment by luclog — November 21, 2007 @ 8:12 pm
Ah, mir fällt dann doch noch ein gutes Beispiel ein. Nimm einen beliebigen Artikel über die Erderwärmung und schau wie sich die Fachleute in der Diskussion bei Ökologismus.de dazu äußern, und das immer einträchtig egal von welcher Partei.
Comment by luclog — November 21, 2007 @ 8:28 pm
Bei Ökologismus ist es etwas schwierig, weil ja im Grunde jeder vorbeischauen und sich als ausgewiesener Experte darstellen kann.
Im IT-Bereich stimmen sehr oft die abgegebenen Prognosen zur Marktentwicklung nicht. Je nach persönlicher Präferenz waren etwa einige Journalisten dafür, dass Linux Windows im Privatanwenderbereich näher auf die Pelle rückt, Windows bleibt aber unangefochtener Marktführer, da halfen auch diverse Reportagen über die tollen neuen Linux-Versionen nix. Oder Vista: In ein paar Jahren wird das trotzdem wieder fast überall zu sehen sein, auch wenn jetzt alle rummeckern wie schlecht es ist (viele Probleme sind Treiberprobleme).
Comment by NUB — November 22, 2007 @ 8:01 am
Ich hätte das vielleicht etwas mehr spezifizieren sollen, ich meine nicht die Fachpresse.
Comment by luclog — November 22, 2007 @ 10:12 am