November 20, 2007

Presse im Amokfieber

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 2:31 pm

Wenn ich noch mehr von diesen Panikartikeln lese laufe ich Amok. Und ich habe auch schon eine Blumenspritze im Haus, die ich dann mit brutal hartem Wasser füllen werde. Es war auch wirklich zu schön, die vermeintlichen Täter endlich mal wieder: weiß, männlich, deutsch und Versager. Schon bei der Präsentation der Fotos der angeblichen Tatwerkzeuge läuteten bei mir die Alarmglocken: Einen Pfeilpistole? Da wäre ja eigentlich jedes Butterbrotmesser geeigneter zum Massenmord. Aber die Presse hatte sich bei dieser politisch korrekten Fallstudie schnell auf Panik eingeschossen und kommt auch scheinbar bis jetzt nicht mehr davon weg – die ganzen vorbereiteten Artikel, mit den teuren Telefoninterviews mit Leitern von Instituten für Gewaltprävention, müssen ja irgendwo untergebracht werden.

Richtigstellungen die den Namen auch verdienen würden gibt es hingegen in unserer Presse nicht. Es gibt auch eigentlich kaum etwas was so völlig ohne Selbstkritik vor sich hinarbeitet wie unsere Presse. Da wird ein solcher Unsinn verbreitet, daß einem beim Lesen die Augen tränen; Selbstkritik kann man aber von den Premiumerzeugnissen und ihren Edelfedern nicht erwarten. Da schimpft man lieber gegen Blogs, die aber nach meinem Befinden ihre Quellen oft besser recherchieren und absichern als unsere Premiumpulikationen. Schon bei Ansicht des präsentierten Waffenarsenals hätte doch eigentlich jeder stutzig werden müssen. Insbesondere ein Kriminalist der seinen Namen verdient, oder auch ein Journalist der zwei und zwei zusammenzählen kann. Dieser Fall erhöht nicht gerade das Vertrauen in diese beiden Berufsgruppen, die eigentlich sehr wichtige gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen; und ansonsten (wie gern in Film und Fernsehen dargestellt) an liegengebliebenen umgestürzten Vasen, mittels detektivischem Scharfsinn, die verworrendsten Fälle lösen. Er passt aber mal wieder mehr zu der Wirklichkeit in der ich lebe, bei der in allen möglichen Fällen Akten verschlurt werden oder Spuren zertrampelt.

Der eigentliche Fall stellt sich so dar:

Ein Schüler wird von seiner Klasse verpfiffen, weil er wahrscheinlich mit Amoklaufdrohungen aufgefallen ist. Soweit so richtig und gut. Daraufhin wird er zum Rektor berufen, der – auch richtig – führt mit ihm eines dieser einfühlsamen Gespräche für die unsere Pädagogen psychologisch ausgebildet sind. Kurz danach bringt sich der vermeintliche Amokläufer um – dabei wollte er sich wahrscheinlich nur wichtig machen und Angst verbreiten (was ihm gelungen ist). Er tötet sich nach diesem Gespräch (bei dem, wie ich dann wieder späteren Meldungen entnehme, auch die Polizei zugegen war) dann selbst, indem er sich vor eine Bahn wirft. Die Polizei untersucht seine Wohnung und findet Verbindungen zu einem Freund. Dieser wird erstmal verhaftet, die Meldung "Amoklauf von der Polizei verhindert" wird an die Presse gebracht, und versetzt Deutschland in Angst und Schrecken und die Presse in nichtendenwollende, wohlige Panik. Fotos des furchteinflößenden Sportwaffenarsenals gehen an die Presse (Paintballpistolen, und eine Sportarmbrust). Deutschland ist entsetzt, denn das erscheint alles als sehr gefährlich. Und die Quelle ist ja amtlich.

Später wird dann gemeldet:

Reuters:

Die beiden Jugendlichen, die nach ersten Ermittlungen den Amoklauf an einer Schule geplant haben sollen, hatten ihr Vorhaben nach Angaben der Staatsanwaltschaft bereits vor [Anm.: genauer, einen Monat davor] ihrer Entdeckung durch die Polizei wieder aufgegeben. Die Aussage eines festgenommenen 18-jährigen Schülers, die Tat abgelehnt zu haben, habe sich bestätigt, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Alf Willwacher am Montag. Danach habe auch sein mutmaßlicher Komplize allein keinen Amoklauf verüben wollen. Eine sichergestellte Armbrust sei zudem nicht zu gebrauchen gewesen.

                                 

Noch am Wochenende hatte die Polizei bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz berichtet, einen Amoklauf in letzter Minute verhindert zu haben. Dabei habe es sich um einen "Schnellschuss" gehandelt, räumte Willwacher nun ein.

                                 

Der 18-Jährige sei auf Grundlage der neuen Erkenntnisse gar nicht mehr dem Haftrichter vorgeführt worden, sagte der Staatsanwalt weiter. Er halte sich nun auf eigenen Wunsch in der Psychiatrie auf.

                                 
 

Nun gibt es jede Menge Panik hinterher: In Karst setzt ein weiterer Verdacht eine Hundertschaft der Polizei in Bewegung. Hier kommt der Tipp von finnischen Sicherheitsbhörden. Die müssen sich ja an deutschen Schulen auskennen, das ist sofort evident. Die Schule wurde geräumt, die Presse ist in Aufruhr. Panik macht sich breit, jeder fühlt sich in Gefahr. Und bei weiterer Chatraumüberwachung wird es wahrscheinlich noch mehr solcher Einsätze geben. Denn man wird durch noch mehr und verbesserte Überwachung solcher Chaträume auf noch mehr Geschwätz stossen. Das ist als würde man in jedem Kinderzimmer mithören. Was sich Schüler aber in ihren Phantasien ausmalen und womit sie sich in elektronischen, vermeintlich annonymen Räumen weltweit wichtig tun, kann keine Grundlage für solche Einsätze sein. Da sollten schon stärkere Verdachtsmomente bestehen. Diese Form von Panik führt nur dazu, daß psychisch labile Jugendliche merken, daß sie mit solchen Drohungen etwas bewirken können, und zwar große mediale Aufmerksamkeit und Angst bei Erwachsenen. Nachahmungstäter werden das ausnutzen und sind weiter zu erwarten. Es ist natürlich absolut notwendig, daß einem solchen Verdacht erstmal nachgegangen wird. Aber man sollte sich der Presse gegenüber etwas vorsichtiger äussern und solche Sachen vielleicht auch erstmal einwenig tiefer hängen – bis man Klarheit hat.

                                 
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Die alten Panikversionen über den Fall in Köln stehen aber immer noch so im Netz. Ein Link auf ein Update, und die neue Sachlage, ist für Zeitungen im Netz technisch noch nicht lösbar: Beispiel Netzzeitung.

 

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Aktualisierung: Mir ist dann noch nachträglich eine Variante der positiven Verschwörung eingefallen, bei der ein äußerst gerissener Medienstab bei der Polizei das alles völlig bewusst duchdacht lanciert hat, und die Presse dabei dann mitspielte. Als die Polizei wusste, daß sich der Täter das Leben genommen hat, hat dort jemand erkannt, daß dies eine gute Warnung für alle ist, die mit solchen Gedanken herumspielen und sich damit im Internet oder auf Schulhöfen profilieren. Daraufhin wurde die Tat für die Medien aufbereitet und in dramatisierter Form weitergegeben. Wohl wissend, daß nichts älter ist als die Zeitung von Gestern und das Drama hängen bleibt. Und zum Heldenepos taugt diese traurige  Geschichte auch nicht. Man sollte die Polizei nie unterschätzen

Italien

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 12:43 pm

Mal ein Ausblick auf Italien(NZZ) und die dortige Einwanderungsdebatte, die irgendwie keine richtige ist, weil in Italien, um allen Vorurteilen gerecht zu werden, wie immer alles durcheinandergeht und es auch dort natürlich keinerlei validen Zahlen gibt um das Problem zu beziffern. Und natürlich gibt es in Italien auch eine traditionell sehr starke antiklerikale Linke, die sich mit jedem verbündet den man als Gegner der Kirche sieht.

(Mario Scialoja, Mitglied des Islamischen Rats Italiens, vormals Botschafter in Saudiarabien und Uno-Vertreter, der 1987 zum Islam konvertierte über die Linke in Italien: «Sie betrachten gewisse islamische Bewegungen als die Vertreter der wirklichen Basis, des echten Proletariats», sie sähen im Islamismus «eine antiimperialistische und antiamerikanische Bewegung».(kommt einem bekannt vor)