October 24, 2007

Memetik und Ideologie

Filed under: Wissen - luclog @ 3:50 pm

Der Ideologiebegriff in der modernen Diskussion ist eigentlich wertlos. Wenn man in der Geschichte dessen zurückgeht, was Ideologie eigentlich bedeutet, stösst man auf einen unerwarteten Beginn. Zuerst war die Ideologie Ende des 18ten Jahrhunderts der Begriff für etwas, das dem Sensualismus, und damit der Empirik und auch dem Materialismus nahe stand. Der Gegenspieler der auch eigentlich in der Person von Kant gewonnen hat, ist der Idealismus, der seinen Ursprung in der Idee der Gegenwelt hat wie sie auch schon bei Platon auftaucht.

Die Ideologie war etwas, man heute wahrscheinlich Memetik nennen würde* – Idee und Mem stehen sich sowieso als Begriffe sehr nah. Als erster brachte  Destut de Tracy den Begriff des Idealismus auf. Die Schule von Destutt de Tracy war als Gegenströmung zum Rationalismus ein Versuch Ideen als biologischen Prozess zu erklären. Auch war Destutt de Tracy ein Vertreter der Sichtweise des Homo Ökonomikus, den auch Marx so in den "Ökonomisch-philosophische Manuskripten" zitiert. Destutt de Tracy bei Marx: „Die Gesellschaft ist eine Reihe von wechselseitigem Austausch, in dem Commerce liegt des ganze Wesen der Gesellschaft.“ Leider wird dieser Denker von allen anderen Zeitgenossen bis heute überdeckt.

Die Begriffe sind natürlich hier schon verwirrend. So rational, wie rational im allgemeinem Sprachgebrauch benutzt wird, ist der Rationalismus nämlich garnicht, wirklich rational ist eigentlich schon sein Hauptgegner der Empirismus, der sich auf der empirischen Erfahrung gründet. Der Rationalismus hingegen hält alle Sinneseindrücke für wertlos, zweifelhaft, und unzuverlässig. Das ist auch heute der eigentliche idealistische Stand der verbreiteten Meinung. Und er ist eigentlich hochgradig zirkelschlüssig, wie fast alles in der modernen theoretischen Betrachtung und ihrer Literatur. Letztlich baut sich nämlich alles, wirklich alles, aus Ableitung  von Sinneseindrücken auf, und denen den Realitätsgehalt abzusprechen negiert letztlich die Existenz der Welt. Der Rationalismus ist also eine Antithese zu jeglicher Realität, und da er so beliebt ist, leben wir heutzutage in einer von Mystizismus durchdrungen Welt, die die Existenz als solches ablehnt, während sie die Abstraktion zur eigentlichen Wirklichkeit erklärt. Daraus kann man getrost Rückschlüsse auf die allgemeine Situation der modernen Theorien ableiten, und hierin liegt wahrscheinlich begründet, das die Esoterik populärer ist als die Wissenschaft. Denn fast jede Wissenschaft begründet sich heutzutage auf im Grunde weltverneinender Philosophie.

Folgerichtig lehnt auch der der Marxismus die Ideologie auch ab. Das nun aber der Idealist und der der Ideologe sich gerade beim Marxismus zuhause fühlt zeigt dann wieder, wie sich ein solche Sache wenn sie durch die Zeiten mäandert verändern kann. Heutzutage sind Idealisten und Ideologen liebend gerne Marxisten und finden gar nichts dabei, nein sie empfinden geradezu wichtig eine Ideologie zu besitzen. Und sie lieben ihre Ideologie den Marxismus.

Aber auch bei allen anderen Ideen die sich zu Ideologien wandeln ließen, und sei es sprachlich, ist es dann geschehen. Der Wandel zur Ideologie geht schnell, man nehme ein beliebiges Wort und hänge "Ismsus" dran,  fertig ist die Ideologie. Es gibt den Konsumismus, den bekannten Kommunismus, den Imperialismus, den Liberalismus, den Anarchismus, den Existentialismus, den Faschismus, die Feminismus, den Ökologismus, und den Alkoholismus, uswusf.

Durch die Vorsilbe Anti haben aber alle Ismusse auch direkt einen Gegenspieler, der meist entsprechend zum Begriff über einen ähnliche Armada an Personal und Literatur verfügt: Den Antikonsumismus, den bekannten Antikommunismus, den Antiimperialisimus, uswusf.

 *(Was ich mal als gewagte These in den Raum werfe, die Grundzüge der Idee finde ich ähnlich - und Destutt de Tracy war auch von der Schule der angelsächsischen Philosophie stark beeinfusst.)