Das dritte Reich ausklammern
Eigentlich wollte ich ja gar nichts mehr zu Eva Herman schreiben. Mir war die ganze Sache längst zu dumm. Diese Hin- und Hergerissenheit zwischen der Mutterfront und der Kämpfer gegen Hitler war mir einfach zuviel. Da donnern die Kanonen, und in den Stacheldrahtverhauen der politischen Korrektheit, hatten sich die Truppen schon fest eingegraben. Jetzt sind im Verlauf des Gesprächs bei Kerner noch ein paar "Nono’s" dazu gekommen: "Autobahn" und "Gleichgeschaltet". Wer Jehova sagt, muss gesteinigt werden, das kennen wir von Monthy Phyton. Auch das gleichgeschaltete: "Wir sind doch alle Individuen!, konterkariert von einem einzelnen "Ich nicht".
(Hierzu auch, Gegenstimme: Herman bei Kerner)
Der ritualisierte Irrsinn ist das eigentlich Faszinosum an dieser Geschichte:
(H.M. Broder) Als Eva Herman nach genau 55 Minuten von Kerner aus dem Studio komplimentiert wurde ("Ich entscheide mich für die anderen drei Gäste und verabschiede mich von Eva Herman"), hatten sich alle Selbstgerechten nicht nur am falschen Objekt abgearbeitet, es endete auch eine der längsten Antifa-Sitzungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es ist ein Antifaschismus, der sich von seinem eigentlichen Gegenstand längst verabschiedet hat und dort am besten gedeiht, wo es keinen Faschismus gibt: in einem virtuellen Raum des wohlfeilen Widerstands.
(Dazu Neues und Bekanntes: Das Quotensteigerungstribunal)
Und hier fehlt eigentlich nur noch die klare Feststellung der offenkundigen Tatsache, daß sich ein linkes Bildungsbürgertum über eine solche ritualisierte Empörung, immer nur selbst immunisiert. Hier wird das Gewissen durch symbolische Handlung und Aufregung gereinigt; man war direkt zu Besuch bei einem säkularen Reinigungsritual.
Und dieses quasireligiöse Moment ist genau das worin sich auch Eva Herman verirrt. Sie kann eben nicht sagen was sie sagen will, ohne auf die Verbindung zur 68er Ideologie zu verweisen, und die 68er beziehen ihre Legitimation aus einem postfaschistischem Widerstand gegen den Faschismus. Man steckt also mittendrin in gesellschaftlichen Traumata, und einer genauso traumatischen Gegenreaktion. Eva Herman kann dem nicht ausweichen, sie kann nur aufgeben. Wenn sie aber nicht aufgibt, kann sie auch nur versuchen gegen die aufgestellten Verbindungen: Mutter häuslich = Drittes Reich, anzugehen. Wie man sieht hat sie keine Chance, jede Bewegung, in diesem vor langer Zeit schon aufgehängtem Netz, kann sie nur weiter verstricken.
Auch das Abschwören – was noch in den früheren Zeiten ein Möglichkeit war – ist heutzutage keine mögliche Handlungsalternative mehr. Abschwören bedeutet heutzutage nur noch, der Gegenseite recht geben und dadurch jeglichen Status, selbst den des ernst zu nehmenden Kontrahenten zu verlieren. Anfeindungen und deren Konsequenzen werden so nicht verringert, es kommt höchsten erschwerend hinzu, daß man ja zugegeben hat, etwas falsches gesagt zu haben, und der Vorwurf des Verschlagenheit und einer allgemeinen Unglaubhaftigkeit käme direkt hinterher.
Steinigungshügel. Jede Menge Frauen mit Bart.
Steinigungsmeister:
Matthias, Sohn des Dagronominus Gasa?
Matthias:
Was muß ich sagen? Ja?
Wache:
Ja.
Matthias:
Ja.
Steinigungsmeister:
Du wurdest für schuldig befunden durch den Ältestenrat unserer Stadt, den Namen unseres
allmächtigen Herrn geschmäht zu haben. Du lästertest Gott auf unglaublich infame Weise.
Frauen:
Uhhhh!
Steinigungsmeister:
Und wirst somit zu Tode gesteinigt.
Frauen:
Jajaja.
Matthias:
Hören sie. Wir hatten ein wundervolles Abendessen und ich habe nur zu meiner Frau
gesagt, dieses Stück Heilbutt wäre grad gutgenug für Jehova gewesen.
Frauen:
Ohh!
Steinigungsmeister:
Blasphemie! Er wiederholt seine Sünde.
Frauen:
Ja.
Steinigungsmeister:
Habt ihr es gehört.
Frauen:
Ja, wir haben es gehört.
Frau:
[mit hoher Stimme] Ja wir haben es…
Steinigungsmeister:
Kann es sein, daß Weibsvolk anwesend ist?
Frauen:
Nein…
Steinigungsmeister:
Nunwohldann. Ich verkünde nun, Kraft des mir verliehenen Amtes, daß der hier
anwesende…
Matthias:
Autsch! Wir haben doch noch gar nicht angefangen.
Steinigungsmeister:
Wer war das? Wer warf den Stein? Wer hat ihn geworfen? Ich will es wissen.
Frauen:
Sie hat, sie hat. Er hat, er hat.
Frau:
Verzeihung. Ich dachte wir hätten schon angefangen.
Steinigungsmeister:
Abmarsch nach hinten.
Frau:
Pööö.
Steinigungsmeister:
Einer tanzt immer aus der Reihe. Also, wo waren wir?
Matthias:
Hören sie. Ich weiß nicht, was daran Blasphemie sein soll, wenn man nur Jehova sagt.
Frauen:
Ahh.
Steinigungsmeister:
Du machst alles nur noch schlimmer für dich, Elender.
Matthias:
NOCH schlimmer? Was kann denn noch schlimmer sein, hä? Jehova! Jehova! Jehova!

Neben “Autobahn” und “Gleichgeschaltet” war auch noch der folgende Satz ein neuer Aufreger: “Ich muss einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht sprechen kann, ohne in Gefahr zu geraten.”
Sich missverständlich auszudrücken (selbst wenn es absichtlich passiert, um zu polarisieren oder zu polemisieren) ist aber kein Verbrechen. Und diese unerträgliche Sendung hatte wirklich etwas Quasi-Religiöses, völlig Schräges. “Schwör ab, Eva, dann entgehst Du dem Scheiterhaufen — vielleicht…”
Comment by NUB — October 10, 2007 @ 8:31 pm
Man kann über kein Thema in Deutschland sprechen ohne, daß ein Bezug zu dieser Zeit hergestellt werden kann. Denn es gibt einfach kein gesellschaftlich relevantes Thema, das nicht auch von den Ideologien aus den Anfängen 20ten Jahrhunderts behandelt worden ist. Eine Beziehung lässt sich da immer herstellen. Und wenn man dann auf historisch vergleichende Angriffe reagiert schnappt die Falle zu.
Hier haben die Ideologen der sozialistischen Fakultät ein unheimliche wirkungsvolles rhetorisches Muster entwickelt, das mittlerweile bis in die Populärkultur völlig verinnerlicht wurde. Schon in der DDR war es ein beliebter Sport, die faschistischen Denkmuster zu entlarven, und die 68er Linke war davon auch sehr inspiriert. Hier ist auch ein bedeutender Unterschied zu dem was man als “Politisch Korrekt” im amerikanischen Sinn auffasst, obwohl Denktradition sicher aus den selben Quellen des “Egalitärem” stammt, die ich noch weit vor dem 20ten Jahrhundert sehe.
Die politische Korrektheit im europäischem Kontext ist ein direkter Rückgriff, auf den Konflikt zwischen bürgerlicher und ideologischer Tradition. Wobei jeder freiheitlich unideologischen Sichtweise ein ideologischer Begriffsdiskurs aufgezwungen wird. Dies geschieht dadurch, daß die Begriffe selbst nur innerhalb der ideologischen Kontexte als existent wahrgenommen werden. Die Ideologien und ihre neuzeitlichen Vertreter hingegen sehen sich immer noch (und sind es auch) als diejenigen die die Sprache definieren dürfen.
Über das entlarven faschistischer Denkmuster und Sprachgebrauchs, kommt ein Moment in den Diskurs (Den ich aus dem amerikanischen als Catch-22 kenne) der eigentlich völlig absurd ist. Es ist nämlich selbst ein faschistisch ideologisches Denkmuster, Abweichler anhand des Sprachgebrauchs zu identifizieren. Victor Klemperer berichtet da folgendes Bonmot, er fragt eine Frau weswegen sie denn im KZ gewesen sei und sie antwortet: “Na, wegen Ausdrücke”.
Comment by luclog — October 11, 2007 @ 1:29 pm