September 21, 2007

Kathedralen müssen größer werden

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 3:27 pm

Hätte ich doch nur Architektur studiert, Stoibers neuste Äusserungen versprechen einen Boom. Endlich gibt es einen Wettstreit wie er mir gefällt: Wer hat die größeren und schöneren Gotteshäuser? Das alte  Programm der Gotik scheint wieder in Reichweite. Ich hätte da auch schon einige Ideen wie man geheimen Botschaften in Bodenlabyrinthen unterbringen könnte das Chartre dagegen geradezu mittelalterlich wirken würde.

Wir werden jetzt die schönsten und größten Gotteshäuser errichten die die Welt je gesehen hat. Ein wunderbares Programm zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und zur Steigerung der Attraktivität Deutschlands als Kulturlandschaft und Fernreiseziel. Schon bei der Wiedererrichtung der Frauenkirche in Dresden hat man ja gesehen, daß dieses Programm immer noch genau wie eh und je im Mittelalter funktioniert. Man braucht nur Spenden zu sammeln.

Meine zweite heutige Top-Idee für den Wirtschaftsstandort leitet sich auch direkt hiervon ab. Speziell für amerikanische Touristen könnte man ja auch noch das Berlin des Albert Speer irgendwo hochziehen. Hauptsache man ist beschäftigt und für die Beschäftigung braucht es Ziele. Und da mit den Deutschen technologische Ziele, wie ein Mondprogramm, nicht zu machen sind, bleibt nur eins: Monumentalarchitektur, da hatte der Deutsche an sich schon immer Spass. Man schau sich nur das Sandburgaufkommen an den ostdeutschen Stränden und in den Zentren der Hochfinanz an.

Beleidigungen unter Feingeistern

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 1:14 pm

Der Begriff "mit Verlaub" hat mittlerweile eine solche Karriere gemacht, daß es nicht mehr auszuhalten ist. Jeder Zweite von der Straße oder Nebenan meint mittlerweile , daß "mit Verlaub" eine besonders kultivierte Wendung ist um zur Beleidigung überzuleiten. Ein einfaches "Entschuldigung sie sie sind ein Arschloch", meint natürlich das Gleiche. Es gibt keinen Unterschied zwischen der antiquierten und immer nur  von Exoten genutzten Sprachformel " "mit Verlaub" und der Formel "Entschuldigung, sie sind ein Arschloch". Man merkt in jedem Fall sofort die Primitivität der Strategie. Da natürlich jedem sofort klar ist, was gemeint ist.

Das ärgerlich daran ist, das sind die absoluten Höhepunkte heutiger Streitkultur. Ein solche Griff in die Klamottenkiste, ist nicht nur so nacherzählenswert, daß es einem schon aus den Ohren quillt, nein, er wird auch noch weiter tradiert und von allen nachgeahmt.

Wo ist da die klare Sprache, wo ist da die Schönheit eines klärenden  "Sie sind ein Idiot" hin. Davon ab, daß das Abdriften ins Fäkale wie bei Arschloch eigentlich immer schon ein Verweis auf das kindische Selbst ist. Andererseits darf ja die Annahme der intellektuellen Begrenztheit, mit Rücksicht auf die intellektuelle Begrenztheit durch Krankheit oder Gottesurteil, neusprachlich postmodern eigentlich gar nicht mehr formuliert werden. Da wehren sich die Idioten dagegen und das völlig zurecht.

Der Mangel an Kultur der in dem das Nutzen von Wendungen wie "mit Verlaub" enthalten ist, zeigt auf einen Niedergang von Rechtswesen und Streitkultur. Man kann sich eigentlich, nicht wirklich wundern wenn die Jugend beim Ehrenschutz wieder zum Messer greift, wenn die Streitkultur in der Politik sich in solchen Niederungen bewegt. Und es weist auch darauf hin, daß der Ehrenschutz überhaupt kein Teil des Rechts für die Allgemeinheit ist (Wenn wir "Die normative Kraft des Faktischen" mal ernst nehmen), und sich nur auf den Raum des Gerichtes erschöpft und nur dort überhaupt geahndet wird, und dort eigentlich auch nur weil sich Richter und Juristen selbst nicht beleidigen lassen wollen. Dort hat ein "mit Verlaub Herr Richter, sie sind ein Arschloch" noch unmittelbare Konsequenzen.

Das waren eigentlich sogar die alten Duellsysteme und zum Ehrenschutz besser als das heutige Rechtssystem, heutzutage darf jeder wie er will, der Einzelne hat weder eine Ehre noch einen Rechtsschutz darauf. Eigentlich hat er nicht mal die im Grundgesetz lapidar niedergelegte Würde. Das fängt dann erst bei einer gewissen Geldmenge und Zeit im Sinne von Muße an, die man dafür übrig haben muss, dann kann man was tun. Dann kann man sogar Spekulationen über die Haarfarbe verbieten.

Aber das ist eigentlich alles wie immer und auch nur bedingt ärgerlich, an einen Schutz des Einzelnen durch Staat und Rechtsprechung war in Deutschland noch nie zu denken. Mich stört vielmehr die ausufernde Erscheinung des völlig sinnlosen und mittelalterlich anmutendem Wortes "Verlaub". Man könnte sich wenigstens mal darauf einigen, daß einfach jeder der die Wendung "mit Verlaub" benutzt ein Idiot ist.