Die Ablehnung der Zukunft
Zukunft ist mittlerweile ein Begriff der nur noch auf die Utopien der Vergangenheit angewendet wird. Es gibt keine Zukunft mehr die als positive vorausgedacht wird. Unsere gesellschaftswissenschaftlichen Ideen sind nur noch rückbezüglich der Vergangenheit verhaftet. Und anders als bei einem alten Auto, wird die Primitivität der Konstruktion nicht direkt optisch wahrgenommen. Man denkt bei alten Ideen die ganze Konstruktion, durchdringen zu müssen um sie wahrzunehmen, und wenn man sie durchdringt vermischt man die Gedanken, mit den Bedeutungen der Gegenwart und verwandelt die Gedanken unbewusst in etwas Modernes, das gar nicht enthalten ist. Die meisten antiken Gedanken sind Antik, und die meisten Gedanken und Theorien der Gegenwart sind rückbezügliche Atavismen.
Nun ist es aber einfacher sich 3 Namen aus der Antike, und 2 Namen aus dem Mittelalter, und 4 Namen aus der Jahrhundertwende zu merken, und damit jedes Gespräch zu bewältigen. Auch die Spezialisten der Fachrichtungen haben bei der Gegenwart längst den Überblick verloren. Es wird zuviel publiziert um einen Überblick zu behalten. Und die Struktur des heutigen Diskurses und der Publikation verlangt als erstes das Eintauchen in die Welt der Antike. Die Gegenwart ist belanglos. Nur das Alte ist durch das Feuer der Unberührbarkeit geadelt.
Dadurch entsteht ein gewaltiger Sog hin zum Unsinn. Die Vergangenheit reißt die Moderne beständig in ihren Sog. Auch wenn das Wort Zukunft, immer und immer, als Suggestion beschworen wird, sind die Inhalte der zeitgenössischen Debatten immer nur Vergangenheit. Und desto mehr wir in der Gegenwart voranschreiten, und desto unübersichtlicher der technologische Fortschritt wird, desto mehr leuchtet die Vergangenheit. Auch wenn die Vergangenheit eigentlich immer ein bitterer Ort, voll mit Brutalität und Kriegen, ohne elektrisches Licht und Personennahverkehr war (Noch weiter zurück ohne Kartoffeln, und ohne Tomaten, oder noch weiter, ohne Schuhe, und ohne Kleidung). Die Gedanken der schuh- und tomatenlosen Gesellschaften, sind immer noch hervorragend, sie sind zeitlos modern. Wir fangen nämlich immer am Anfang an und hören dann auf wenn wir merken, daß wir es nicht schaffen uns auch nur durch die Breimauer des Schlaraffenlandes des Wissens zu fressen.
Es ist die Gegenwart die uns überfordert, nicht der Diskurs. Wir haben keine Gedanken für die Zukunft weil uns die Orientierung im Alltag schon schwer fällt. Wir schaffen es mittlerweile kaum einen Bereich abzudecken und zu ordnen. Schon die einfache Markenkunde beim Schuh- oder Kleiderkauf überfordert uns. Bei den Begrifflichkeiten der Elektronik scheitern selbst Spezialisten. Es gibt keine Alternative mehr zur angebotenen Krücke, der elektronischen Erweiterung und Vernetzung. Der moderne Mensch gibt also seine Individualität ab. Und zwar hin zum Maschinenmenschen, und damit wird die Technik nicht nur Teil des Alltages und Erleichterung von mechanischen Tätigkeiten. Sie wird Teil des Denkens und des Ichs. Ein größerer Moment, hin zum Bienenschwarm hat es in der Geschichte des Menschen wohl nur bei der Erfindung der Religion gegeben.
Dem Wandel durch Technik steht aber ein ständiger Rekurs auf eine vorsintflutliche Vergangenheit gegenüber, die weder die Dinge kannte, die uns heute beschäftigen, noch überhaupt Begriffe dafür hatte. Die Masse ist einfach nur überfordert und lehnt jeden Gedanken an die Zukunft ab. Überall tauchen die Denker der Endzeit auf. Schon seit 200 Jahren erzählen die Theoretiker der Gesellschaft, daß nichts mehr passiert. Das der letzte Mensch gestern über die Erde wandelte, und wahrscheinliche der letzte Leser von Plutarch im Original damit gemeint ist. Und die Überalterung der Gesellschaft tut ihr Übriges, die riesigen Schwärme von Menschen, die die Gegenwart nicht verstehen sind genau die Profiteure der modernen Medizin, die sie mit dem Auto abholt, wenn mal wieder das Herz aussetzt. Aber die Moderne gilt nichts, es bleibt der Gedanke an Omas Apfelkuchen. Und die eigene Jugend voller Kraft.
