September 16, 2007

Die Grünen und die Basis

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 8:57 pm

Den Hinweis darauf, daß die Grünen die Partei sind deren Anhänger mit der größten Mehrheit den Afghanistan Einsatz befürworten bekam ich über Zettels Raum. Dies steht in völliger Diskrepanz zu der Entscheidung der grünen Bundesdelegiertenversammlung, die Verlängerung des Mandats für den Afghanistan-Einsatz abzulehnen. Man wundert sich: Die Wähler sind für eine Verlängerung des Mandats, der Parteitag votiert dagegen.

Woher kommt nun diese Diskrepanz? Ich würde mich nicht der These anschliessen, daß es sich hier um eine Unentschiedenheit zwischen dem Kampf um Frauenrecht und den pazifistischen Idealen handelt.

Mir erscheint es eher der ganz lapidare Umstand der Grund zu sein, daß die Partei der Grünen erwachsen geworden ist, und mittlerweile wie alle Parteien den Zusammenhang zur Basis verloren hat. Die eigentlichen Grünen Wähler, kurz, Bildungsbürgertum mit leichtem Linksdrall und Weltrettungsanspruch, ist einfach älter und reifer geworden – während die Aktiven in der Partei eben wie alle Aktiven in Parteien, mehr den idealistischen Ursprüngen verbunden sind. Die Partei ist immer der Wahrer der Tradition. Die übliche Lesart ist hier anders und man hat dafür den Realpolitiker erfunden: Die Aktiven in der Partei sind diejenigen, die mit den realen Bedingungen von Politik konfrontiert realistische Beschlüsse fassen. Politiker machen das Machbare: Realpolitik.

Ich löse es entgegengesetzt auf: Leute die sich in Parteien engagieren, und das bis zu einer Entscheidungsposition durchhalten, sind erstmal Idealisten mit Hang zur Egozentrik. Denn die Selbstbewertung, daß ihre Person und deren ureigene Vita der Allgemeinheit nützen, gehört zu einer politischen Aktivität dazu.

Die klassischen Wähler der Grünen sehen die Politik mittlerweile viel pragmatischer als die Partei. Und die Grünen sind in Gefahr, den Zusammenhang zu ihren Wählern zu verlieren. Sie wären dann nicht die erste Partei der das passiert. Und üblicherweise schadet das der Partei dann auch erstmal eher wenig. Denn wenn es darauf ankommt, wird zu allererst das Kreuz da gemacht wo man es schon immer gemacht hat. Denn man hat zum einen nie geirrt, und zum anderen sind die Alternativen meist noch schwerer zu schlucken.

Eine Alternative wäre natürlich, daß die Grüne Partei sich so entwickelt wie es ihre Wähler tun und zur Mitte rückt. Das würde aber eine Revolution innerhalb der Partei und eine Trennung von den altlinken Kadern erfordern und dazu reicht der Druck wahrscheinlich nicht aus. Die Gefahr das die Grünen sich von ihrer Basis weiter entfernen, und von "Der Linken" (die die echteren "Linken" sind) aufgerieben werden, bleibt bestehen.

Die Ablehnung der Zukunft

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 3:13 pm

Zukunft ist mittlerweile ein Begriff der nur noch auf die Utopien der Vergangenheit angewendet wird. Es gibt keine Zukunft mehr die als positive vorausgedacht wird. Unsere gesellschaftswissenschaftlichen Ideen sind nur noch rückbezüglich der Vergangenheit verhaftet. Und anders als bei einem alten Auto, wird die Primitivität der Konstruktion nicht direkt optisch wahrgenommen. Man denkt bei alten Ideen die ganze Konstruktion, durchdringen zu müssen um sie wahrzunehmen, und wenn man sie durchdringt vermischt man die Gedanken, mit den Bedeutungen der Gegenwart und verwandelt die Gedanken unbewusst in etwas Modernes, das gar nicht enthalten ist. Die meisten antiken Gedanken sind Antik, und die meisten Gedanken und Theorien der Gegenwart sind rückbezügliche Atavismen.

Nun ist es aber einfacher sich 3 Namen aus der Antike, und 2 Namen aus dem Mittelalter, und 4 Namen aus der Jahrhundertwende zu merken, und damit jedes Gespräch zu bewältigen. Auch die Spezialisten der Fachrichtungen haben bei der Gegenwart längst den Überblick verloren. Es wird zuviel publiziert um einen Überblick zu behalten. Und die Struktur des heutigen Diskurses und der Publikation verlangt als erstes das Eintauchen in die Welt der Antike. Die Gegenwart ist belanglos. Nur das Alte ist durch das Feuer der Unberührbarkeit geadelt.

Dadurch entsteht ein gewaltiger Sog hin zum Unsinn. Die Vergangenheit reißt die Moderne beständig in ihren Sog. Auch wenn das Wort Zukunft, immer und immer, als Suggestion beschworen wird, sind die Inhalte der zeitgenössischen Debatten immer nur Vergangenheit. Und desto mehr wir in der Gegenwart voranschreiten, und desto unübersichtlicher der technologische Fortschritt wird, desto mehr leuchtet die Vergangenheit. Auch wenn die Vergangenheit eigentlich immer ein bitterer Ort, voll mit Brutalität und Kriegen, ohne elektrisches Licht und Personennahverkehr war (Noch weiter zurück ohne Kartoffeln, und ohne Tomaten, oder noch weiter, ohne Schuhe, und ohne Kleidung). Die Gedanken der schuh- und tomatenlosen Gesellschaften, sind immer noch hervorragend, sie sind zeitlos modern. Wir fangen nämlich immer am Anfang an und hören dann auf wenn wir merken, daß wir es nicht schaffen uns auch nur durch die Breimauer des Schlaraffenlandes des Wissens zu fressen.

Es ist die Gegenwart die uns überfordert, nicht der Diskurs. Wir haben keine Gedanken für die Zukunft weil uns die Orientierung im Alltag schon schwer fällt. Wir schaffen es mittlerweile kaum einen Bereich abzudecken und zu ordnen. Schon die einfache Markenkunde beim Schuh- oder Kleiderkauf überfordert uns. Bei den Begrifflichkeiten der Elektronik scheitern selbst Spezialisten. Es gibt keine Alternative mehr zur angebotenen Krücke, der elektronischen Erweiterung und Vernetzung. Der moderne Mensch gibt also seine Individualität ab. Und zwar hin zum Maschinenmenschen, und damit wird die Technik nicht nur Teil des Alltages und Erleichterung von mechanischen Tätigkeiten. Sie wird Teil des Denkens und des Ichs. Ein größerer Moment, hin zum Bienenschwarm hat es in der Geschichte des Menschen wohl nur bei der Erfindung der Religion gegeben.

Dem Wandel durch Technik steht aber ein ständiger Rekurs auf eine vorsintflutliche Vergangenheit gegenüber, die weder die Dinge kannte, die uns heute beschäftigen, noch überhaupt Begriffe dafür hatte. Die Masse ist einfach nur überfordert und lehnt jeden Gedanken an die Zukunft ab. Überall tauchen die Denker der Endzeit auf. Schon seit 200 Jahren erzählen die Theoretiker der Gesellschaft, daß nichts mehr passiert. Das der letzte Mensch gestern über die Erde wandelte, und wahrscheinliche der letzte Leser von Plutarch im Original damit gemeint ist. Und die Überalterung der Gesellschaft tut ihr Übriges, die riesigen Schwärme von Menschen, die die Gegenwart nicht verstehen sind genau die Profiteure der modernen Medizin, die sie mit  dem Auto abholt, wenn mal wieder das Herz aussetzt. Aber die Moderne gilt nichts, es bleibt der Gedanke an Omas Apfelkuchen. Und die eigene Jugend voller Kraft.

Die Eskalation des Einfachen.

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 2:13 am

Die Funktionsweise einer Gewaltspirale ist so einfach wie bekannt, Gewalt erzeugt Gegengewalt – Terror erzeugt Gegenterror. So wollte die extreme Linke schon immer eine revolutionäre Stimmung erzeugen. Indem sie den Staat durch Gewalt dazu treibt, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, die man dann wiederum als Repressionen des Kapitalistischen Schweinesystems kennzeichnen kann; was dann ausgeschlachtet wird bis das System sich destabilisiert und die "Revolution" kommt. Nach der Revolution werden dann bekanntlich aber erstmal die Kinder gefressen.

Nun ist aber an der Eskalationsspirale durchaus etwas dran, und man sollte sie im Übertrag auf das anwenden was wir heutzutage mit den Religionen und religiösen Positionen erleben. In der modernen Welt überleben nur Positionen, die über ein geschärfte Profil verfügen - Vereinfachungen. Was überlebt sind nicht die Positionen, die über Komplexität verfügen, geschweige denn die Positionen die selbstkritisch in sich gebrochen sind.

Deswegen sieht es wie immer schlecht aus für feingeistige intellektuelle Spitzfindigkeit, redliche Argumentation, oder kritisches Nachdenken. Es sieht sogar schlecht aus für alle gesellschaftlichen Standpunkte die sich säkular definieren. Säkular definierte Positionen, wir Humanismus, Atheismus, Liberalismus, oder Sozialismus, haben keinen Bestand, wenn die fundamentaleren Positionen aufeinander prallen.

Man kann dies jetzt schon bemerken, immer mehr Kommentatoren des Zeitgeschehens, die ansonsten eine einwandfreie freigeistig und/oder säkulare Vita haben, entwickeln ihre grundlegende Position im Zeitgeschehen nicht mehr anhand von theoretischen Vorstellungen, sondern aus der nichtstaatlichen religiösen oder ethnischen Gruppenzugehörigkeit heraus. Auch wenn sie dieser Gruppe kaum mehr formell angehören, wie bspw. viele Juden, Christen, und Moslems. Die Gesellschaft in der alle theoretischen Paradigmen verloren haben, ist zum Rückgriff auf die Kernbestände der eigenen Historie gezwungen und wird auch genauso von aussen dazu gezwungen (und erst recht gezwungen werden) diese atavistischen, primitiven überwunden geglaubten Grundfragen anzuerkennen. Es gibt keine Antworten es gibt nur noch den Prozeß. Und der Prozeß zeigt in Richtung Eskalation.

Alles verdichtet sich auf Biologie und Theologie und auf die Familie – mehr als auf Staat oder Partei oder auch noch Wissenschaft. Die Zeiten einer übergreifenden Solidarität die auf Gesinnung beruht, waren kurz und sind vorbei. Die Solidarität des Sozialstaates lässt sich, wie es aussieht, bis zur Selbstzerstörung aushöhlen. Und die fragilen Bestandteile einer Demokratie sind leider abhängig von gutgehenden Geschäften, Sicherheit und Wohlstand – Wohlstand und nicht Existenzminimum.

Und wir stehen hier erst am Anfang, denn die Schere die auseinander klafft, zwischen technologischer moderner Zivilisation und menschlicher Natur wird immer größer. Die Verunsicherung wird immer größer. Die Rollen die auszufüllen sind werden immer unbefriedigender. Für Männer und für Frauen – nicht mehr nur für Konservative oder Moderne. Keiner weiß mehr mit den Begriffen etwas anzufangen die von den modernen Theorien hundertfach durchdekliniert wurden. Es blieben nur Sprachhülsen. Selbstdefinierter Wisssenschaftsjargon nur als Abstandswahrer zum Pöbel gut – die duftende weiße Perücke der Neuzeit ist die Systemtheorie. Und die Elfenbeintürme füllen sich immer noch mit den Zuspätgekommen des Denkens, den Nachzüglern der Gutenbergrevolution (Den Braven). Die immer noch nicht bemerkt haben, daß alle Theorie immer nur versagt hat, daß der Fortschritt immer nur aus den konkreten Entwicklungen entstanden ist, die von den Theorien nie vorausgedacht und auch nie später erklärt werden konnten. In den Theorien taucht kein Otto-Motor auf, und auch kein Computer, es gab keinen Buchdruck, es gibt keinen Krieg.

Heutzutage ist der Microprozessor der Schrittmacher und die Beschleunigung mißfällt uns. Der Prozess selbst ist die neue Theorie. Die Tat hat über die Theorie engültig gesiegt. Es gibt keine verbindlichen Gewissheiten. Wir laufen nicht mehr den Erklärungen hinterher, wir sind absolut genügend damit beschäftigt die Tageswirklichkeit mit ihren rasanten Veränderungen zu bewältigen. Unser Beschäftigung mit Theorie dient nur noch den Zweck der romantische Vergangenheitsverklärung, dem Sammeln von Einklebebildern für immaginäre rhetorische Poesialben.

Und deswegen schwingt das Pendel zurück, die Moderne hat zwar unser Leben verlängert und uns satt gemacht, aber sie hat nicht ihre Versprechen gehalten. Und jetzt geschieht der Rückgriff auf die Urmotive, auf die Grundkonflikte die die Menschen aufgebaut haben und immer durch alle Zeiten mit sich rumtragen. Zwei Begriffe schweben wieder am Horizont: Rasse und Religion. Und man kann sie nicht transzendieren. Man bekommt keine Theorie des letzten Menschen und auch ansonsten keine letzte Wahrheit: das ist der Anfang. Und es wird genau so einfach immer weitergehen.