Ent-art
Kardinal Meißner ist einer der ganz großen Konzept Künstler unserer Zeit. Er braucht nicht wie anno dazumal Joseph Beuys mit Käseecken aufzuwarten. Ihm reicht Weihrauch und Kultus. Der Kardinal hat nur einen Satz gebraucht um die Kunstwelt erbeben zu lassen. Das sollen ihm die ganzen Kulturhanseln erst mal nachmachen. Und wer heult erschrocken darüber auf? Kultur-Staatsekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff von der CDU. Daran erkennt man große Kunst, sofort springen die Konservativen auf vor Empörung. Und was ist passiert? Die Kampfpresse des Spießbügers, der Spiegel weiß es schon: "Meisner warnt vor entarteter Kultur". Und im dazugehörigem Artikel wird auch das Corpus Delikti zitiert: Joachim Meisner blinzelte und sagte: "Dort , wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet."
Einen solchen Satz zu bilden, das ist nun wirklich große Kunst. Das hat weder Grosse-Brokhoff noch der Spiegel verstanden. Der Satz ist einfach zu kompliziert, das Publikum nicht reif, die Zeit noch nicht gekommen. Hier blitzt schon die Nachnachpostmoderne auf. Und das in einem Satz! Hier ist die Dialektik mehr als Form oder sinnhafte Verdrehung, hier wird der Kern des Bösen in einem Satz in das Gute verwandelt, nebenbei Hitler demaskiert, Kulturkritik geübt und die Kirche in ein neues Jahrtausend gestoßen.
Meißner weiß um die Kraft konzeptionelle formaler Ausgestaltung und er läßt es uns spüren. Meißner legt den Finger in die Wunde, er sieht messerscharf die Erstarrung eines ritualisierten Kultus. Jedes Jahr Weihnachten. Jedes Jahr Ostern. Und Morgens gehen die Leute zur Arbeit. In allen Kirchen Kreuze. Da muss was passieren. Meißner ist ein Erneuerer und weiß welche Kraft in der Kopplung von Religion und Kunst stecken, wenn beide sich beflügeln. Es gibt mehr als nur die Kirche und nur: Ritus, Ritus, Ritus. In seinem Satz steckt die Aufforderung dazu eben keine Erstarrung zuzulassen, damit all das was entartet ist, wieder in die Kirche zurückfließt und eine Verbindung mit der Gottesverehrung eingeht. Und dann kann man erst eine neue Blüte Erwarten. Eine neue nachmodernen Kunst, die sich eben ganz von den Zwängen des Tafelbildes und auch der Konzeptkunst, des Minimal, oder des Fluxus, befreit; und gleichzeitig den Ritualismus kirchlicher Zwänge aufbricht.
Der Kultur Staatssekretär hat den Kardinal einfach nicht verstanden. Das die Kultur entartet ist hat keine weitere Bedeutung als die, daß jede Kirchenferne an sich schon Entartung bedeutet, was den Begriff Entartung gegen sich selbst, und gegen das dritte Reich, und auch gegen die Bedeutung im dritten Reich wendet, und was diesen Begriff frei macht für eine ganz neue Zeit, mit einer ganz neuen Kunst. Eine Zeit in der alles frei und anders ist, Kirche und Kunst ganz neu sind und wundersam verwoben.
