Der Ursprung des Faschismus II
Ich hatte mich ja schon mal hier über Italien als Ursprungsland des Faschismus ausgelassen. Man kann aber noch tiefer in die Betrachtung der Ideengeschichte eingehen. Und dann wird es erst richtig spannend. Denn man muss dann erkennen, daß Kommunismus und Faschismus und Anarchismus nicht nur zentral ideengeschichtlich verbunden sind, sondern auch auf den gleichen Quellen und Anlässen beruhen. Dies berührt natürlich auch die extrem radikal liberalen Ableger, die sich ideengeschichtlich auch auf dieselben Quellen beziehen.
Das eigentlich Zentrum der Ideen ist in Frankreich und dort natürlich in Paris. Hier stösst der junge Filippo Tomasso Marinetti auf die Personen die ihn eigentlich beeinflussen. Als wichtigste und zentrale Figur ist hier wohl Georges Sorel zu nennen. Georges Sorel ist bis heute ein einflussreicher Denker. Auch in dem erst kürzlich von mir verlinkten Text, von Norbert Bolz wird auf den bei George Sorel zentralen Begriff der Dekadenz verwiesen. Wenn man auf die bis heute beliebten Zusammenhänge des Denkens von Marx bis Nietzsche schaut, wird man immer auf die gleichen Zusammenhänge stossen, bei Bolz wie Sloterdijk, oder auch bei allen anderen heutigen gesellschaftsrelevanten Theoretikern: es ist immer das Ende des 19ten und das frühe 20ste Jahrhundert und die dortigen, geistesgeschichtlichen Entwicklungen die uns bis heute bewegen.*
Tomasso Marinetti, George Sorel, und Julius Evola sind die Ideengeber des Nationalsozialimus. Denn auch der heutige Diskurs ist immer noch ein Nachläufer des dort beginnenden Ideenstreites. Hier haben sich alle großen ideologischen Vorstellungen ausserhalb der Religion gebildet, die bis heute Bestand haben. Demokratie oder Freiheit sind nicht die Begriffe die uns bewegen, es geht immer um Masse und Massenbewegung im modernen Diskurs. Um Popularität. Um eine Popkultur des Denkens, die eigentlich die Revolution nur als pitoreskes Spiel versteht; und die die Ernsthaftigkeit der Gefahr, der ein hochfragiles modernes politisches System ausgesetzt ist, nicht mehr erkennt.
Im Kampf der Ideologien die sich in Geschichte und Herkunft so sehr ähneln, geht es schlussendlich nur um’s Rechthaben im Diskurs – die Wirklichkeit ist eine platonische Gegenwelt. Und mittlerweile bleibt selbst die dümmste Idee, der das Versagen schon im Kern anzusehen ist weiter virulent (wenn sie sich nur als Ideal, zur Ideologie formen lässt**). Eine Idee muss nur genügend Übermittler haben die sie an weitere Staffelträger des Unsinns übergibt. Selbst der Ökologismus wird so zu einem Religions und Sinnstiftungsersatz und speist sich direkt aus diesen alten Quellen.
* Das liegt auch ganz einfach am Zitationssystem innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses, in späteren Zeiten wurde einfach soviel publiziert, das keiner mehr durchkommt, und sich keine verbindlichen Denktraditionen mehr herausbildeten die sich auf Schriften berufen konnten. Besonders da diese Schriften heutzutage ja quasi wissenschaftlich Zwanghaft aus Zitationen bestehen, und schon von daher kaum mal eine Argumentation ausbilden und oft einfach unleserlich bleiben. Denn kein Gedanke und kein Text wird mehr als orginär wahrgenommen. Die schlimmsten Auswüchse dessen, sind natürlich heutzutage Webseiten die mitten im Text aufeinander verlinken und so überhaupt nicht mehr ins Zitat zu übertragen sind.
** F. Wegener (Das Atlantidische Weltbild): Sorel erkennt in Anbetracht der enormen Wirkung, die der Mythos der Apokalypse für die Entstehungsgeschichte des Christentums hatte, die Relevanz der Mythen für soziale Bewegungen. Mythen, „in denen sich die kräftigsten Tendenzen eines Volkes … wiederfi nden: um Tendenzen, die sich unter sämtlichen Lebensumständen dem Geiste mit der Beständigkeit von Instinkten darstellen, und die den Hoffnungen nahe bevorstehender Handlungen … volle reale Anschaulichkeit verleihen.“ Die Teilelemente des Mythos seien ohne Bedeutung, wichtig sei „die in dem Gefüge enthaltene Idee“, das Bild, das während der Vorbereitung zur Revolution „ein Element der Kraft ersten Ranges“ darstellen könne. Die „bewegende Kraft“ der Idee sei dabei so groß, dass sie die Geister, die Seelen in Besitz nehme.
