Eva und Hitler
Unsere heutige Medienlandschaft ist seltsam. Bei allen neueren wichtigen linken Hysterien stehen an vorderster Front Medien wie Bild am Sonntag. So auch bei dem neustem Fall, wo eine Fernsehmoderatorin sich der Nähe zu Hitler verdächtig gemacht haben soll. Der Fall ist äußerst kompliziert. Zum einen heisst die Frau Eva. Und bekanntlich hatte Adolf Hitler auch schon etwas mit einer Frau Namens Eva. Wenn das kein Indiz ist, was dann? Und ein weiterer Anfangsverdacht besteht darin: diese Frau ist Blond, und Blond war die Lieblingshaarfarbe des dritten Reiches. Aber noch schlimmer, die Frau sieht in der Rolle von Müttern etwas positives, und genau das hat auch schon der Papst, bemerkt, und Stalin, und Hitler – und Ahmedinidschad. Irgendwie hat jeder Machtpolitiker und jede Ideologie mindestens wenn sie an der Macht waren, das Loblied der Mütter gesungen. Denn jede Bewegung pflanzt sich immer auch dadurch fort, daß die infizierte gesellschaftliche Gruppe sich fortpflanzt. Die echten Religionen sind deswegen bei der Weitergabe ihrer Ideen weitaus effizienter als die modernen Spielarten von Ideologie, die auf eine Infizierung durch Ideen in der Jugend setzen.
Aber was hat diese Eva denn nun gesagt? Es muss etwas ganz Schlimmes gewesen sein, wenn dies mit sofortiger Entlassung aus dem öffentlich rechtlichem quasi Staatsdienst bestraft werden muss. Einfacher Irrsinn reicht für sowas nicht aus, damit wird man beim NDR dann doch eher Intendant. Die Recherche, selbst die Internet Recherche ergibt eigentlich nicht viel, ausser ein paar kleineren Fetzen.
„Es war eine grausame Zeit, er war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle. Aber es ist eben das, was gut war, das sind Werte, Kinder, Mütter, Familie, Zusammenhalt – das wurde abgeschafft, es durfte nichts mehr stehen bleiben.“ (Quelle: „RTL-exclusiv“)
Von diesem Zitat wird dann immer nur der zweite Teil genommen, und absichtlich in die Richtung interpretiert, daß es sich um eine Beschwichtigung der NS-Zeit handeln würde. Was aber im Zusammenhang völlig haltlos erscheint. Es geht aber bei diesem Zitat darum, daß die einfache suggestive Verknüpfung – im Nationalsozialismus wurde die Mutter geschätzt und deswegen ist die Mutterrolle schlecht – einfach falsch ist. Davon abgesehen, daß mündliche Rede überhaupt eine Sache ist an die man keine so scharfe Interpretation anlegen kann wie an eine Text von Kant in Reinschrift. Es geht darum, daß der Nationalsozialismus wie jede Ideologie Dinge und Werte als gut für sich okkupiert hat – und, daß nur deshalb weil der Nationalsozialismus sie für sich belegte (wie es im Übrigen jede Massenbewegung tut) diese Werte schlecht sind. Es ist geradezu umgekehrt; die Werte die von Populisten und Heilsbringern seit Urzeiten immer wieder aufgegriffen werden sind meistens gut.
Es handelt sich bei den Werten die von außnahmslos allen Ideologien benutzt werden um zeitlose einfache Grundlagen von darwinistischer Qualität. Sie werden eben genau deshalb immer wieder benutzt, wegen ihrer Popularität. Sie sind genauso populär wie Pop-Musik. Deswegen wird sich auch nie ein Populist des Ausdruckstanzes oder der modernen Lyrik bedienen. Und es ist sogar noch schlimmer die Dinge die über lange Zeiten immer populär bleiben haben oft einen Zusammenhang mit der Natur des Menschen – beispielsweise Sex, und als Unterkategorie davon eben auch die Mutter. In der Nazi-Zeit wurden auch Rheinwein und Schmorbraten geschätzt, das hat nun nichts mit den Vor- und Nachteilen von Schmorbraten zu tun.
Es gilt die neue journalistische Präambel: Unsere Meinung steht schon fest, Fakten bringen nur immer alles durcheinander. Profil zeigen.

Ich teile Deine Interpretation in diesem Fall nicht.
Hätte sich Eva Herrmann darauf beschränkt, ein positives Bild des Mutterbegriffs zu zeichnen und den Wert der Institution Familie zu betonen, ich sähe keinen Anlass für diese heftige Kritik.
Aber den Zusammenhang zum dritten Reich herzustellen, indem sie dieses zwar vorab politisch korrekt als “grausam” darstellt, dann aber die positive Rolle der Mutter in dieser Gesellschaft betont, die hier ein völlig pervertiertes Zerrbild darstellt, zeugt zumindest von erschreckender Naivität. Hitler ging es nie um den Wert der Familie und die Rolle der Mutter, es ging um funktionsfähige Gebärmaschinen für den arischen Frontnachwuchs.
Sie hätte sich darauf beschränken sollen, die Demontage des Wertes Familie und der Mutterrolle durch die 68er zu kritisieren, und es wäre einfach nur eine Meinungsäußerung gewesen, der man zustimmen oder die man ablehnen kann.
Leider hat sie dies nicht getan.
Comment by Andreas — September 11, 2007 @ 6:36 am
@ Andreas
Nach meinem Dafürhalten stimmt diese Verkürzung eben einfach nicht. Es geht Frau Herman darum, daß Werte und Ideen mit dem schlichten Verweis, daß sie im Dritten Reich benutzt worden sind diskreditiert werden. Dies ist eine absolut korrekte Wahrnehmung des Diskurses in Deutschland, wie er betrieben wurde und auch immer noch betrieben wird. Das Gegenargument hierzu ist, daß viele dieser Werte eben unschuldig sind. Es sind oft auch einfach zeitlose und richtige Werte, Werte die jede Ideologie nutzt und auch jeder Populismus. Keine Partei und kein Politiker kommt an der Mutter oder der Familiee vorbei, das sind Zentren für jegliche Pollitik. Deswegen ist hier die Deutungshoheit auch ein ganz zentrales Thema.
Es geht eben auch gar nicht anders. Frau Herman wird immer wenn sie das Familienbild diskutieren will mit dem Verweis auf das dritte Reich konfrontiert werden. Und sie muss dann auf diesen offensichtlichen Verweis irgendwie argumentativ reagieren. Dabei wird auf jeden Fall wenn die Diskussion nur lange genug läuft irgendetwas von ihr gesagt werden, was dann in der Form ausgelegt wird wie es nun geschehen ist. Der einzig mögliche Ausweg für Frau Herman wäre von Anfang an das Thema selbst zu vermeiden. Also der von ihr kritisierten ideologisch geprägten Vorstellung von Mutterolle von vornherein das Feld zu überlassen. Denkverbote kann ich aber nicht leiden.
Comment by luclog — September 11, 2007 @ 5:10 pm
Es ist kein Denkverbot, jemanden in Grund und Boden zu kritisieren. Es ist ja auch nicht so, als ob ihre Bücher nun verboten wären. Dass der NDR sich von ihr trennt, ist wohl sein Recht. Wäre sie existenziell abhängig, könntest Du davon reden, dass da jemand ihr den Mund verbietet. Im Gegenteil wird sie jetzt wahrscheinlich erst recht gelesen und ggf. noch in Talkrunden dazu befragt, irgendwie wird sie jedenfalls interessant bleiben…
Comment by NUB — September 11, 2007 @ 5:37 pm
PR-mäßig kann einem gar nichts besseres passieren, als in sämtlichen Zeitschriften und Zeitungen verrissen zu werden… So sieht die Wirklichkeit aus.
Comment by NUB — September 11, 2007 @ 5:45 pm
@ NUB zu 2
Finde ich nicht. Jede gesellschaftspolitische Stellungnahme wird in Deutschland immer auch in Bezug auf das Dritte Reich besprochen. Dem kann man nicht ausweichen. Und es ist dabei nicht so, daß dies zu steuern ist. Man kann sich eigentlich an keiner irgendwie relevanten politischen Diskussion beteiligen ohne, daß der Verweis auf das dritte Reich kommt. Diese Methode einfach nur als gegeben festzustellen und zu sagen “selbst Schuld, man muss die Gefahren kennen”, bedeutet alle politischen Diskussionen denen zu überlassen die am geschicktesten mit der bekannten Keule argumentieren. Das diese Keule – wie man sieht – so effektiv ist, ist mit ein Grund dafür das alle relevanten Diskussionen mittlerweile ideologisch überfrachtet und sich keine Vernünftige libertäre Richtung ausformen kann.
Comment by luclog — September 11, 2007 @ 7:11 pm
@ NUB zu 5
Ich denke es gibt da genügend Beispiele die das Gegenteil belegen. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß irgendjemand dem das Plakat Nazi angeheftet wurde es noch weit gebracht hat.
Comment by luclog — September 11, 2007 @ 7:20 pm
Wer behauptet denn, abgesehen von vielleicht ein paar Blogs und ein paar totalen Gegnern, ernsthaft, Frau Herman vertrete nationalsozialistisches Gedankengut? Sie wird für eine Aussage hart kritisiert, aber von den meisten Zeitungen nicht zum Nazi gemacht.
Comment by NUB — September 12, 2007 @ 10:29 am
Meine Einschätzung ist da anders. Die Behauptungen die in diese Richtung gehen bekommen bspw. im Spiegel ein große Plattform. Lies doch einfach nochmal Thea Dorn. Und ansonsten war eigentlich die gesamte Presselandschaft auf diese Botschaft hin geeicht. Ich sehe eher nur ganz wenige, die dem etwas kritisches entgegensetzen. Und das selbst bei den Blogs.
Comment by luclog — September 12, 2007 @ 1:32 pm