September 7, 2007

Cui bono

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 3:19 pm

Ich habe mich gerade mal in einem Anfall von Selbstgeißelung durch die Diskussion über die gescheiterten Bombenanschläge von Frankfurt, beim Forum Spiegel Online gelesen. Und was sich einem da an Realitätsverweigerung bietet ist schier unglaublich. Die überwältigende Mehrheit versucht das gesamte Geschehen einer Verschwörung zuzuordnen. Hinter der Sache steckt mal wieder der Mossad, das CIA, und Georg Bush, und interessanterweise nun auch – in einem Atemzug genannt – Schäuble der die Online Durchsuchung durchdrücken will. Soweit so wahnsinnig.

Meine einzige Hoffnung bezüglich Deutschland ist nur noch, daß Online Diskussionen im Spiegelforum nicht repräsentativ sind. Denn was dort an gesammeltem Wahnsinn durchschimmert ist gefährlicher als ein simpler Bombenanschlag. Selbst das Auftreten eines beteiligten Fahnders, der die Umstände soweit er es konnte logisch erläutert, führte zu keinerlei Zweifel an der These, daß der Zeitpunkt und das Geschehen durch die deutsche Politik gelenkt wurde.

Es ist wirklich schlimm: Als wären Politiker nicht mittlerweile als Menschen greifbar genug in Funk und Fernsehen. Diesen oft mittelmäßigen Personen eine Konspiration zuzutrauen ist schlichtester Irrsinn. Aber was ist an den Gedanken unserer Verschwörungsfreunde eigentlich kein Irrsinn? Seit dem absoluten Sieg des linken dialektischen Verdrehungswahns als Kern öffentlicher Diskussion ist schon lange alles Standpunkt, und die Wirklichkeit immer nur eine Sache der Betrachtung.

Eines der häufigsten Argumente die man hört, ist die Frage "Cui bono?" –  "Wem zum Vorteil?". Diese eigentlich vernünftige Herrangehensweise an bestimmte Sachverhalte wird in ihrer Überspitzung zum Wahnwitz. Natürlich lässt sich dieser Satz auch kriminalistisch nutzen, aber wenn man einen Täter während der Ausführung der Tat stellt, ist eine solche Frage einfach nur absurd. "Wem nutzt es?" muss aber sehr oft für alle mögliche Konstruktion von Konspiration herhalten. Hier wird aber eine sehr wichtige Sache vergessen: Es gibt bei jeder Tat, und bei jedem Vorkommnis auch immer Nutzniesser die ganz schlicht nichts mit der Sache zu tun haben. Das nutzt aber nichts: "Cui bono?", fragen die Verschwörungsfreunde und schauen dabei pfiffig in die Runde.

Wenn ein hochrangiger Politiker stirbt, ist nicht unbedingt seine Frau der Täter weil es eine Lebensversicherung gibt, und auch nicht sein Sohn weil er erbt, und auch nicht sein politischer Nachfolger weil er nachfolgt. Und das besonders nicht, wenn ihn bspw. ein Räuber getötet hat, der dann auch noch nach Tat gestellt wurde. Wobei der Nutzen bei Familie und Umfeld hier wohl auch immer sehr fragwürdig wäre, weil die Menschen sich oft schätzen und die Person vielmehr oft ein Verlust ist. Aber man kann, wenn man die Täter einer Tat gestellt hat, hingegen sehr genau sehen was sie bezweckten und was der Nutzen war, den sie sich durch die Tat versprochen haben, auch bei diesem neuerlichem gescheiterten Versuch eines islamistisch motivierten Anschlags.

Bei einem solchen Anschlag oder auch jedem anderen Großereigniss alles auf die Frage "Cui bono?" zu bündeln ist natürlich noch unsinniger. Es wimmelt bei jedem Großereigniss sofort von Personen denen es irgendwie nutzen könnte oder auch nutzt. Manche profilieren sich und einige haben vielleicht sogar konkrete Vorteile. Das ist aber bei jedem Großereignis so und verweist keinesfalls auf die Ursache. Nur zum Beispiel: Schröder hat die Oderflut nicht gemeinsam mit Parteikumpanen ausgeheckt (Obwohl ich bin mir selbst hierbei nicht sicher ob die "Cui bono?" Frager nicht genau das annehmen).

Dabei gibt sogar Personen die bei Großereignissen durch besonders hervorragendes Verhalten glänzen und deswegen von der Allgemeinheit besonders geschätzt werden. Denen sollte es auch ruhig nutzen. Hier kämen eigentlich in diesem Fall die Personen in Frage die diesen Anschlag, der hunderten das Leben gekostet hätte, vereitelt haben. Von einem solchen Lob der Sicherheitskräfte liest man aber leider nichts.

2 Comments »

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  1. Hach ja, die Patienten im SPON Forum. Die verwenden die Vorgaben der etwas intelligenteren Linken, wonach der Neoliberalismus überall dafür sorge, dass die Regierenden Marionetten der Wirtschaftslobby seien und vereinfachen das Ganze noch etwas. Das Ergebnis: Kapitalistisch-amerikanische Bush-Verschwörung hängt Islamisten Taten an, die diese nicht begangen haben, um einen faschistischen Staat zu ermöglichen. Hat zwei Aspekte: Amis, Kapitalisten und westliche Politiker grundsätzlich nicht vertrauenswürdig, Islamisten harmlose Spinner. Die intelligenteren Linken wissen, dass die Islamisten auch nicht bloß spielen wollen, Intelligenz wirst Du da aber kaum finden…

    Comment by NUB — September 8, 2007 @ 10:00 am

  2. Ich finde das lesen solcher Foren immer wieder interessant. Ich hatte eigentlich auch nichts besonders wertvolles erwartet, nur einen kleinen Überblick was für Ansichten dort zurzeit beliebt sind. Und dabei muss man natürlich beachten, daß der Spiegel zur Zeit in Deutschland das absolute Leitmedium ist, und besonders im Netz kein anderes Medium eine ähnliche Reichweite hat. Ich war aber dann doch einwenig erschüttert wie weltfremd die Diskussion dort war. Einen solchen Verschwörungsmischmasch hat man nicht mal nach den Anschlägen des 11. September lesen dürfen. Mir erscheint es fast so, als seien dadurch die Verschwörungstheorien nur noch populärer geworden. Dadurch, und natürlich durch den folgenden Irakkrieg. Die nähere Geschichte hat unsere ideologisch geprägte Gesellschaft nachhaltig erschüttert. Und unser Gesellschaft ist durch die Bank weg durch die Ideen des Sozialismus, und durch sozialistische Gruppen ideologisch geprägt. Das zieht sich von links bis rechts durch. Da aber der Sozialismus eine Niederlage nach der anderen einstecken muss, bleibt scheinbar nur noch der Ausweg Verschwörungen dafür verantwortlich zu machen. Es darf nicht sein, was nicht sein kann.

    Dabei ist aber eigentlich garnicht mal die ursprüngliche sozialistische Idee – die ja nur eine erweiterte Gemeinschaftsidee wäre die zu allen Seiten hin offen ist – das Problem, sondern die damit verbundene Genese eine weltentfremdeten Theorie, die keine Zweifel kennt und nur immer Rückverweise auf die eigenen Tradition bietet. Eigentlich ist dort ein echter Konservatismus entstanden, der mit “Marx hat gesagt”, oder “Trotzki hat gesagt” (Man kann hier den jeweiligen Hausheiligen einsetzen), operiert, nicht anders als jeder andere festgefahren Traditionalismus. Dieser Linkskonservatismus kann nun die Welt nicht erklären, da immer alles anders läuft als die eigenen heiligen Schriften es behauptet haben. Da aber die lange Reihe der eigenen Hausheiligen keine Fehler gemacht haben kann, muss es eine Verschwörung geben. Es gibt keinen anderen Ausweg, wenn man sich die Niederlage nicht eingestehen kann.

    Und die Niederlage der marxistischen sozialistischen Theorien ist komplett. Die dort vorhandenen Ideen haben für einen wachen Menschen des 20. Jahrhunderts nicht mehr Wert als mittelalterliche Religionstradition. Wobei ich jeden mittelalterlichen Diskurs wegen der gebildeten Argumentation noch qualitativ vorziehen würde. Dies trifft dann auf eine lange Kultur der deutschen Esoterik und es kommt zu einer großen und tief gefühlten Abscheu gegen jegliche Vernunft und gegen die rationale Moderne. Denn die Vernunft zeigt klar, daß alle großen Ideologien nicht nur gescheitert sind, sondern auch immer, aufgrund der Strukturen die sie ausbilden, scheitern müssen.

    Comment by luclog — September 8, 2007 @ 1:31 pm

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