Die Intoleranz der Toleranz
Von Greg Kouki
Vermutlich hat kein Konzept mehr Reputation in unserer politisch-korrekten Kultur als der Begriff der Toleranz. Unglücklicherweise, wird eine von Amerikas grössten Tugenden dadurch so verzerrt, daß sie zu etwas Schlechtem wird.
Es gibt ein Wort, welches von Aufrichtigkeit abhalten kann. Dieses Wort heißt "intolerant".
Diese Idee ist bei den Postmodernisten, den Epigonen der radikalen Skeptiker sehr populär, jetzt fordern deren Ideen unberechtigterweise Anerkennung in den heutigen Universitäten. Ihrem Kampfruf, „Es gibt keine Wahrheit,“ folgt man häufig mit einem Appell an die Toleranz.
Eine tolerante Person besetzt angeblich neutralen Boden, einen Ort kompletter Überparteilichkeit, an dem jeder die Erlaubnis hat für sich selbst zu entscheiden. Urteile sind nicht erlaubt. Kein "Zwang" bei persönlichen Meinungen. Daß alle Meinungen unterschiedslos gültig sind, ist die feste Annahmen einer Gesellschaft, die sich am Relativismus festmacht. Und das ist ein Mythos.
Für ihre selbstgerechte Forderung, brauchen die Relativisten in Wirklichkeit zwei Wahrheiten, eine rationale und eine moralische. Die erste ist die rationale „Wahrheit“, daß es keine Wahrheit gibt – ein Widerspruch in sich. Die Zweite ist die moralische Wahrheit, daß man andere Weltanschauungen tolerieren soll. Ihr Standpunkt, der auf mindestens zweierlei Art in sich widersprüchlich ist, dient als Warnung, daß die moderne Nutzung des Begriffes Toleranz überaus irreführend ist.
Der Toleranz-Trick
Durch die moderne Definition von Toleranz ist verdrehterweise niemand tolerant oder kann es überhaupt sein. Mein Freund Francis Beckwith nennt es den "passiv-agressiven Toleranztrick". Ein Zurück zum klassischen Verständnis von Toleranz wäre die einzige Möglichkeit, die nützliche Bedeutung des Wortes wieder herzustellen. Ich gebe dazu mal ein Beispiel aus der Realität.
Anfang dieses Jahres sprach ich mit einer Klasse von Studenten der Christlichen Universität Des Moines in Iowa. Ich wollte sie, auf diesem "Toleranztrick", aufmerksam machen, aber auch zeigen wie stark sie ihn bereits verinnerlicht hatten. Ich fing an, indem ich zwei Sätze an die Tafel schrieb. Der erste zeigt das gegenwärtige Verständnis von Toleranz:
"Alle Überzeugungen sind gleichwertig und man soll keine besser bewerten als andere"
Alle nickten in einträchtig. Keinerlei Widerspruch. Dann schrieb ich den zweiten Satz:
"Jesus ist der Messias und das Judentum ist falsch weil es dies verneint."
Sofort flogen Hände nach oben. „Das können Sie nicht sagen,“ Erlerntes abrufend, offensichtlich provoziert. „Das ist beleidigend". Wie würden sie sich fühlen, wenn jemand sagen würde, sie seien im Irrtum?“
"Das passiert mir andauernd“ entgegnete ich, " Genau jetzt, auch mit dir. Aber warum sollte es mich stören, daß jemand denkt, ich sei im Irrtum?"
"Es ist intolerant", sagte sie und bemerkte, daß die zweite Aussage die erste Aussage verletzte. Was sie nicht sah, war, daß die erste Aussage auch schon einen Konflikt enthielt
Ich zeigte auf die erste Aussage und fragte, "Ist das eine Ansicht, die Idee, alle Überzeugungen sind gleichwertig und man soll keine besser bewerten als andere?" Sie stimmten alle zu.
Dann zeigte ich auf die zweite Aussage, Die "Intolerante" und stellte die gleiche Frage: "Ist das eine Überzeugung?" Sie studierten den Satz einen Moment lang. Langsam fing es an ihnen zu dämmern. Sie waren durch den Toleranztrick verwirrt worden.
Wenn alle Überzeugungen gleichwertig sind, dann ist die Überzeugung, daß Christen über Jesus eine bessere Überzeugung vertreten als die Juden genauso richtig, wie die Idee, daß Juden eine bessere Überzeugung über Jesus vertreten als die Christen. Aber das ist völlig unvereinbar. Wenn der erste Satz sagt was Toleranz ist, dann kann niemand tolerant sein, weil "Toleranz" zu Blabla wird.
Heraus aus der Falle
"Wollt ihr wissen wie ihr diesem Dilemma entkommt?", fragte ich. Sie nickten. "Ihr müsst die moderne Verdrehung von Toleranz verneinen und zur klassischen Ansicht zurückkehren." Dann schrieb ich folgende zwei Grundregeln auf das Brett:
1) Sei egalitär gegenüber Personen.
2) Sei elitär gegenüber Ideen.
"Egalitär" war ein neues Wort für sie. Denkt an "Gleichheit", sagte ich. Behandelt Andere als wären sie gleich in in ihrer Position und in ihrem Wert. Sie wussten, was eine "Elite" war, und dachten das sei jemand der denkt er sei besser als andere. "Richtig", sagte ich. Wenn man "elitär" in Bezug auf Ideen ist, sagt man, daß einige Ideen besser sind als andere. Und das sie sind. Wir behandeln nicht alle Ideen, als wären sie gleich wertvoll, aus Furcht auf Widerspruch zu stossen. Einige Ideen sind gut, einige sind schlecht. Einige sind zutreffend, einige sind falsch. Einige sind brillant, andere sind einfach dumm.“
Die erste Grundregel, die man "Höflichkeit" nennt, liegt im Zentrum der klassischen Ansicht von Toleranz. Diese kann man einfach mit dem Wort "Respekt" gleichstellen. Toleranz zeigt sich darin, wie wir Leute behandeln die anderer Meinung sind, nicht wie wir Ideen behandeln, von denen wir denken daß sie falsch sind.
Wir respektieren die, die eine andere Auffassung haben, indem wir höflich mit ihnen umgehen und ihren Ansichten einen Platz im allgemeinen Diskurs einräumen. Wir können bei ihren Ideen stark gegenteiliger Ansicht sein und dagegen öffentlich stark angehen, aber wir zeigen noch Respekt für die Person trotz unserer Unterschiede.
Klassische Toleranz fordert, daß jeder Person die Freiheit zugestanden wird, ihre Ideen ohne Furcht vor Repressalien zu formulieren, egal welche Idee – sie fordert nicht, daß alle Ideen gleichen Wert, Gehalt oder Wahrheit haben.
Diese zwei Kategorien werden, durch den im Mythos der Toleranz ursächlich verwirrtem Denken häufig verschmolzen. Die Ansicht, daß die Ideen einer Person nicht besser oder realer als die einer anderen sind, ist einfach absurd und widersprüchlich. Zu sagen, daß einige Ansichten falsch sind, unmoralisch, oder einfach nur dumm, ist kein Angriff auf irgendeine sinnvolle Definition oder einen Standard von Toleranz.
Beachtet, daß Respekt hier mit der Person verbunden wird. Ob ein Verhalten toleriert werden kann, ist ein völlig anderes Problem. Unsere Gesetze zeigen, daß ein Mann glauben kann, was er will – und er normalerweise die Freiheit hat diesem Glauben Ausdruck zu geben – aber er darf sich nicht benehmen wie er will. Manches Verhalten ist eine Bedrohung für die Allgemeinheit. Anstatt es zu tolerieren (zu erlauben), wird es durch Gesetze eingeschränkt. Historisch hat unsere Kultur Toleranz (Respekt) gegenüber jeder Person, aber nie Toleranz gegenüber jedem Verhalten hervorgehoben. In den Worten Lincolns: "Es gibt kein Recht, Falsches zu tun."
Auf den Kopf gestellt
Die moderne Definition von Toleranz stellt die klassische Formel für Toleranz auf den Kopf:
1) Sei egalitär gegenüber Ideen.
2) Sei elitär gegenüber Personen.
Wenn du eine fremde Idee negierst, wirst du automatisch respektlosem Behandeln von Personen beschuldigt (Wie der Student es mit mir tat). Bei dieser neuen Vorstellung von Toleranz kann keine Idee und kein Verhalten abgelehnt werden – auch nicht höflich – ohne sich den Vorwurf der Beleidigung einzuhandeln.
Zu sagen, ich bin intolerant zu einer Person, weil ich ihren Ideen widerspreche ist verwirrend. Ironischerweise ergibt das Elitarismus in Bezug auf Personen. Wenn ich denke meine Ideen sind besser als die eines anderen, kann ich als Person als krank behandelt werden, öffentlich an den Rand gedrängt und als bigott geschmäht werden, als: respektlos, unwissend, schamlos und – können sie es glauben? – intolerant. Manchmal kann ich von Gesetzes wegen sogar verklagt werden, bestraft werden, oder gezwungen werden soziale Ausbildungs-Programme zu besuchen..
Toleranz wurde folglich auf den Kopf gestellt: Toleriert die Ideen der Mehrheit, aber toleriert nicht (zeigt Respekt vor denen) die die Ausnahmen machen bei diesen Ideen. Andere Meinungen werden beschriftet mit: "Deine Ansicht anderen aufzwingen“ und damit schnell zum Schweigen gebracht.
Das ist Unsinn und sollte aufhören. Der Mythos der Toleranz zwingt jeden in ein unvermeidliches "Catch-22", weil jede Person in jeder möglichen Debatte einen Gesichtspunkt hat, von dem er denkt dieser ist richtig.
Catch-22
Klassische Toleranz bezieht drei Elemente mit ein: (1) ermöglichen oder erlauben (2) eine Schluss oder einen Gesichtspunkt bei dem man anderer Meinung ist (3) Respektieren der Person im Prozeß.
Beachtet, daß wir niemanden tolerieren können, es sei denn wir sind mit ihm anderer Meinung. Das ist kritisch. Wir "tolerieren" keine Leute die unsere Ansichten teilen. Sie sind auf unserer Seite. Es gibt nichts zu dulden. Toleranz ist für die reserviert von denen wir denken sie liegen falsch, und dennoch beschließen wir sie anständig und mit Respekt zu behandeln.
Dieses wesentliche Element des klassischen Toleranz Widerspruchs (Elitismus betreffend Ideen) ist vollständig in der modernen Verdrehung des Konzeptes verloren gegangen. Wenn du heutzutage denkst, jemand hat unrecht, nennt man dich intolerant, egal wie du ihn behandelst.
Das ist ein merkwürdiges Problem. Jemand muss zuerst denken, daß ein anderer falsch liegt um dann ehrliche Toleranz zu zeigen, wenn er es dennoch sagt wird er der Intoleranz angeklagt. Das ist ein "Catch-22", denn in jeder Debatte hat eine Person eine Ansicht von der sie denkt diese wäre richtig.
Intellektuelle Feigheit
Die meiste was heutzutage als Toleranz durchgeht ist nichts als intellektuelle Feigheit, eine Furcht vor intelligenter Engagiertheit. Die, die mit dem Wort "Intoleranz" rumfuchteln, wollen nicht durch andere Ansichten herausgefordert werden, oder sich mit konträren Meinungen herumschlagen, oder sich sogar mit diesen auseinandersetzen.
Es ist einfacher zu beleidigen "du intoleranter Frömmler" als gegen eine Idee anzugehen und sie entweder zu widerlegen, oder durch sie selbst geändert zu werden. In der modernen Zeit wurde "Toleranz" zur Intoleranz.
Wann immer du der Intoleranz beschuldigt wirst, bitte um eine Definition. Wenn Toleranz Neutralität bedeutet, sind alle Ansichten gleich gültig und gleich wahr, dann ist überhaupt niemand tolerant, weil überhaupt niemand in seinen Ansichten neutral ist. Betone den Widerspruch der durch die neue Definition geschaffen wird. Betone, daß die freundliche Toleranz ein Mythos ist.
(Übertragung ins Deutsche von mir)
Via: ADG
