October 30, 2006

Geschändete Medien

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 3:46 pm

Auch in der achten Woche (Übertrieben? Egal, kümmert andere ja auch nicht) reissen die Betroffenheitsartikel zu den Totenschädeln nicht ab. Es hat sich da scheinbar auch ein Begriff herauskristallisiert, die "Totenschändung". Immer wenn ich das lese, denke ich direkt an unglaublich abartige nekrophile Praktiken. Und so ist es auch gedacht, das Thema soll möglichst brisant sexualisiert werden. Die Bildzeitung ist mittlerweile Leitmedium einer völlig, sexual orientierten und infantilisierten Gesellschaft. Da ziehen die anderen Medien nur nach. (Man könnte zum Kulturpessimisten werden, wenn das so weitergeht)

Die Bildzeitung ist längst Leitmedium geworden, von Sebnitz bis Björn L., die Lesefähigkeit und das kritische Hinterfragen reicht bei der grossen Masse überhaupt nicht, um komplexere Diskurse überhaupt noch zu verfolgen. Nur noch Schlagzeilen bleiben hängen, und wer sich nicht mit erregt ist verdächtig. Deswegen findet kritische Auseinandsetzung, ausserhalb von winzigen Biotopen, auch überhaupt nicht mehr statt. Selbst das was sich noch Denker oder Intellektueller schimpft, setzt nur noch auf Bilder die möglichst einfach zu transportieren sind. Und völlig zurecht.

Auch das andere letzte grosse Medium mit Breitenwirkung, Spiegel Online läuft diesem Trend hinterher. Die Publikationen mit wöchentlicher Frequenz sind für die Zeiten des Internets viel zu langsam. Auch wird die Schlagzeile später zur kollektiven Wahrheit, egal was hinterher noch passiert, die Grunderregung bleibt als der Moment der Wahrheitserkenntnis im kollektiven Gedächnis hängen. Die nackte Grundmeldung interessiert auch keinen mehr, die bekommt man tausendfach. Wichtig ist die Meinung. Und auch Meinung ist über Schrift kaum noch zu vermitteln. Bilder sind wichtiger den je. Einfache Bilder und ein möglichst gesprochener redundanter Singsang, das ist die Informationsvermittlung der Zukunft. Bilder, gewürzt mit Erregung. Dieser Weg ist schon in der Religion, über die bildreichen Geschichten, bis zu den gregorianischen Gesängen enthalten. Nun wird es wieder mehr und mehr zeitgemäß. Und modern kommt es dann als Videoblog daher.