Mohammed erfand das Schiesspulver
Eine mal wieder interessante Reihe zur Geschichte, innerhalb der vielen grossen interessanten Reihen zur Geschichte, im Fernsehen, wird uns bei Pro 7 "Welt der Wunder" präsentiert: "Das geheime Wissen des Islam." Es werden mal wieder fast alle gängigen Klischees der Islamgeschichtsschreibung bemüht.
Böse christliche Mönche, bekämpfen in dieser Sendung mit ihren Intrigen den wissenschaftlichen Fortschritt und verschwören sich gegen herzensgute, selbstlose, kluge islamische Gastwissenschaftler. Ein Filmbeitrag mit gebildeten bis weisen, edlen Muslimen und bösen, dummen, verschlagenen Christen. Alle flachen Mittelalterplattitüden sind mal wieder vollversammelt, das Mittelalter ist ja überhaupt eine schöne Projektionsfläche, in die wirklich fast alles reingedichtet werden kann was man will. Aber hauptsächlich ist es dunkel, christlich böse.
Das beispielsweise der Kalif Omar eine der fürchterlichsten Bücherverbrennungen aller Zeiten angeordnet hat bei der die schon vorher dezimierte Bibliothek von Alexandria endgültig vernichtet wurde, passt schlecht in dieses rosafarbene Bild des gebildetem Islam. Die Schriften wurden zur Beheizung der öffentlichen Bäder verwandt. Man kann sich also selbst ausrechenen welche Mengen von unersetzlichem Weltwissen dort dem Feuer überanwortet wurden. Die Begründung war einfach und ist immer noch modern: Im Koran steht sowieso alles Wissenswerte drin.
Wichtig sind aber nur die Hauptthesen: Das christliche Abendland, war in den Nachfolgewirren des römischen Reiches, eine komplette Ansammlung von Dummheit und praktizierter Unwissenheit. Dazu fällt mir dann ein: Das sieht man schon an den gotischen Kathedralen und simpelster Architektur wie der Agia Sophia in Konstantinopel – erst der "Islam" hat es dann geschafft in Jahrhunderten ein paar spitze Türmchen drumherum zu bauen. Die Schriften der Gelehrten in Konstantinopel waren nicht existent, und es besteht auch kein Zusammenhang zwischen dem Fall von Konstantinopel und der Verteilung antiken Wissens im zusammengeschmolzenen christlichem Resteuropa.
Alle waren doof, bis der Islam kam und in Italien die Renaissance möglich machte. Auch Leonardo Da Vinci tat nichts als muslimische Schriften finden. Ich weiß nicht was das soll: Warum versucht die neuere westliche Geschichtsschreibung nur noch die eigenen Errungenschaften bis hin zur Moderne abzuwerten? Was bringt es das eigene Licht, und das Licht der Aufklärung immer unter den Scheffel zu stellen, während wirklich jede andere Kultur – freudig selbstgeisselnd – mit an den Haaren herbeigezogenen, überbewerteten, marginalen Zusammenhängen zur Wissensgenese, zum Hort der spirituellen Glückseligkeit mutiert?
Die grobe Zivilisationsgenese, bis hin zur Neuzeit, ist ganz im Gegensatz zu einer solchen Darstellung, klar und erzählt, Kleinasien, Ägypten, Griechenland, Rom, Europa, das waren die bekannten wichtigen, Stufen zur europäischen Moderne, die heute die Welt bestimmt. Und das Kleinasien welches daran beteiligt war, hat mit der arabischen Wüste, und dem später bilderstürmenden Islam herzlich wenig zu tun. Da führt kein Seitenweg des Islam hin zum elektrischen Licht.
Die einzigen wirklich noch offenen Fragen, betreffen Indien und China, denn hier wird dem Wissenstransfer mit der europäische Kultur, trotz Seidenstrasse und Alexander dem Grossen, und vorhandenen Bezügen, in eigentlich allen wirklich alten Schriften, noch zu wenig Beachtung geschenkt. Sicherlich hat Alexander nicht nur Länder erobert, sondern auch einen Kulturtransfer nach Europa in Gang gesetzt. Der indische Mathematiker und Astronom Aryabhata auf den die Null zurückgeführt wird, ist aber immer noch in diesem Kontext weitestgehend unbekannt. Auch, daß die Induskulturen in frühester Vorzeit, weit vor Alexander, schon viel weiter entwickelt waren, und grosse urbane Zentren schufen die über Dinge wie Kanalisation verfügten, ist bis heute noch nicht in die Standardfolklore der Geschichtserzählung vorgedrungen. Die neuste Meldung diesbezüglich ist der Fund, einer Stadt der 9000 Jahre alten Harrapa Kultur im Golf von Cambay.

Das dollste war aber doch, wie der gute Mann, der den Moderator gab, uns allen verkündete, dass die Muslime darunter leiden, dass man ihre Leistungen von vor 1000 Jahren nicht anerkennt und sie deshalb ihren Minderwertigkeitskomplex haben!
Ergo beseitigen wir diesen Makel: Hey, die Muslime haben vor 1000 Jahren alles schon erfunden, worauf unsere heutigen Kenntnisse beruhen. Ihr seid die Besten!
So, jetzt bin ich mal gespannt, wie die reagieren. Sind sie jetzt selbstbewusster und machen vielleicht sogar selbst mal wieder was wissenschaftlich Brauchbares?
Comment by H.Eiteneier — October 23, 2006 @ 4:22 pm
@H.Eiteneier
Die Moslems sind nunmal die armen, geschundenen Juden der heutigen Zeit.
Wo man so etwas liest? Im Staatsradio Deutschlandfunk.
Comment by Boche — October 23, 2006 @ 4:41 pm
Das sind alles so merkwürdige volksdidaktische Auswüchse. Bei vielen dieser Geschichten hat man den Eindruck es soll eine möglichst freundliches Friede, Freude, Eierkuchen, Bild der Geschichte und der Welt vermittelt werden. Was aber bis in die Neuzeit nicht dem wirklichen Bild der Welt entspricht. Ein Schlachthaus wäre wohl der bessere Vergleich.
Beim zweiten Hinsehen bemerkt man aber, daß dort gar keine direkte propagandistische Beeinflussung dahintersteckt. Dass ist nicht willentlich, das ist Konsensrealität. Die meisten Menschen bis hin zu den Historikern sind mittlerweile ganz allgemein ideologisch so verstört, daß sie überhaupt nicht mehr zu einer realistischen Sicht der Geschichte, oder der Weltläufte fähig sind. Eine allgemein respektierte ideologische Ausrichtung ist auch überhaupt wichtig um innerhalb des Diskurses Gehör und eine wohldotierte Position zu finden.
Eine ideologische Ausrichtung ist also auch für Karrieren im allgemeinen wichtig, und deswegen stösst man, fast überall auf simplifizierte Weltsichten. Der Stammtischdiskurs und der Wissenschaftsdiskurs unterscheidet sich eigentlich mehr formal als inhaltlich.
Comment by luclog — October 23, 2006 @ 4:51 pm