September 30, 2006

Lust auf Sex, trotzdem naht der Tod

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 8:18 pm

Immer wenn man glaubt man hat im Internet schon alles gesehen, kommt etwas was einen wirklich erschüttert. Etwas das in allen seinen intellektuellen Facetten so gut ist, daß kein anderes Medium eine solche Wahrhaftigkeit jemals erreichen kann. Literatur, Theater oder bildende Kunst sind in Form und Ausdruck viel zu manieriert um auch nur halbwegs etwas zu erreichen was dem nahe kommt. Und wie immer entdeckt man ein solches Juwel dort wo man es überhaupt nicht erwartet. Ähnlich erschütternd war für mich nur das Lesen von Foren, in denen sich Jugendliche über ihre Selbstverstümmelungen austauschten. Aber das hier geht in eine andere Richtung: Hier wird etwas geboten, das erst beim Lesen des Subtextes seine volle Kraft entfaltet.

Erst hielt ich es selbst für langweilig bis es mich in seinen Bann zog, und ich die verborgene metaphorische Kraft des hier Dargebotenem erkannte. Nur etwas das so daneben ist, trifft den Punkt von Gegenwart und Zeitgeist. Der Ort des Geschehens ist in seiner belanglosen Ödnis voller elementarer Wahrheit. Die Worte des Hauptredners werden auf Dauer zu einem Singsang der tibetanische Mönche genauso wie mittelalterliche Choräle in ihre bemühten Schranken verweist. Der Subtext, der von Phillip Roth geliefert wird ist präzise auf dem Punkt. Der Ort des Geschehens, Netzeitung: Voice of Germany, ist in seiner überbordenden Symbolik schon fast zu deftig.

Hier wird die gesamte Gegenwartskultur abgehandelt und das in mehreren Schichten die immer nur auf das Gleiche verweisen. Ödipus trifft auf Gesellschaftskritik und wird wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Die Nahaufnahmen der unrasierten Hauptdarsteller erinnern an Zeit, Vergänglichkeit und die Nähe der Penner vom Hauptbahnhof.

Hier zeigt sich der Bruch der durch die Gesellschaft geht in  seiner ganzen erbarmungslosen Klarheit. Die Suppe die am Tisch in absoluter Unkultur ins unrasierte Gesicht gelöffelt wird, verweist auf die Unterschiede, die mehr sind als Geld auf dem Konto. Das ist der Schlag ins Gesicht, den alle Kleinbürgerkinder, mit ihrer Angst vor falschem Benehmen, eigentlich täglich brauchen. Eine neue Kaste von "Kosmopoliten" zeigt ohne Bemühung ihr Selbstverständnis welches sich Lichtjahre von der Realität einer Bürgergesellschaft entfernt hat. Eine neue Vater-Sohn Kulturschiene, von jedem Diskurs befreit. Und das monologisierte Thema passt genauso exakt, wie das gelangweilt entlarvende Kameraauge. Das schaffen weder Fernsehspiele noch Autoren: Deutschland in seiner ganzen neuen enthobenen Phantastik. Ein absolutes Meisterwerk des Zufalls.

Ich weiß nur noch nicht ob der Kameramann ein Genie ist, oder ob da eine fremde Macht seine Hand geführt hat. Die Dramaturgie und das Tempo sind einzigartig, da stimmt einfach alles, jedes noch so kleine Detail.

Lust auf Sex. 

SuperSozis

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 2:53 am

Ich muss dann doch nochmal was zum SS-Nobelpreisträger verlinken. Da kommen wirklich doch noch neue Aspekte zum Vorschein. Eigentlich Sachen die ich erst überlesen habe. Zum Einen war er schon damals bei den Freiheitskämpfern:

[Grass]…unter dem Namen ‘Jörg von Frundsberg’. Der war mir als Anführer des Schwäbischen Bundes aus der Zeit der Bauernkriege und als ‘Vater der Landsknechte’ bekannt. Jemand, der für Freiheit, Befreiung stand.

Und – man fasst es nicht – Multikulti mit einem Schuss Europaeuphorie war auch schon ein wichtiger Grund für den Eintritt in die SS:

[Grass] Auch ging von der Waffen-SS etwas Europäisches aus: In Divisionen zusammengefasst kämpften freiwillig Franzosen, Wallonen, Flamen und Holländer, viele Norweger, Dänen, sogar neutrale Schweden

Das könnte man auch weiterführen, den eigentlich waren das ja Sozialisten, zwar Nationale aber das ist hier doch nur eine Feinstufe über die man bei soviel europäischer und, multikultureller ich erhöhe sogar auf kosmopolitischer SS Avantgarde sicher hinwegsehen kann. SS bedeutet der sicher auch was ganz anderes, das waren SuperSozis, oder auch Pfundskerle um es mal in den Worten des beliebten Nobelpreisliteraten zu sagen. So wirkt letztlich alles irgendwie doch stringent.