August 19, 2006

Röhl über Grass

Filed under: Zeitgeist - luclog @ 10:41 pm

Einwenig Hintergrund um das Psychogramm von Grass zu vervollständigen.

Klaus Rainer Röhl: Wir alle waren seit unserem 13. Lebensjahr permanent im Einsatz: bei Kartoffelernteeinsätzen, beim Schippen, bei Kriegsübungen, erst im Jungvolk, dann kam man mit 14 Jahren automatisch in die Hitlerjugend, dann ins Wehrertüchtigungslager und schließlich in den Reichsarbeitsdienst, und von da aus direkt zur Wehrmacht. Insofern wirkt es etwas eigenartig, wenn Grass jetzt sagt, er wollte aus der Enge und dem Mief seiner Familie heraus. Wir waren doch alle seit Jahren kaum zu Hause.

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Welt am Sonntag: In seinem neuen Buch sagt Grass, dass er sich gegen den Naziturnlehrer aufgelehnt hätte und deshalb von der Schule geflogen sei…

Klaus Rainer Röhl: Na ja, Grass war doch eher der Liebling des Turnlehrers, was ja nicht heißt, dass er sich mit dem nicht angelegt haben kann. In der Tat flog Grass, allerdings nicht allein, sondern mit mehreren aus seiner Clique, vom Conradinum. Vielleicht ist dies ein Vorfall, über den Grass jetzt auch sein Schweigen brechen sollte: Eines Tages kamen der Direkter Millack und der Klassenlehrer Weigel in unsere Klasse und fragten: wer ist mit Günter Grass befreundet? Als sich keiner meldete, gab der Oberstudiendirektor ohne weitere Erläuterung den Jungs lakonisch den Befehl, ab sofort jeden Abend vor dem Schlafengehen lange kalt zu duschen.Was war geschehen? Schnell kam folgende Geschichte heraus, die zu einem verfestigen Bild in beiden Parallelklassen wurde, das niemals durch eine andere Variante in Zweifel geriet: Grass und die von ihm angeführte Clique hatten demnach ein hübsches Mädchen, von einem benachbarten Lyzeum, früher Helene Lange Schule, in der Nazizeit in Gudrunschule umbenannt, in den nahe gelegenen Uphagenpark gelockt, mit Chloroform betäubt und dann nackt ausgezogen und irgendwie durchgegrabbelt. Ich war nicht im Uphagenpark dabei, aber ich habe keinen Zweifel daran, daß der Schulverweis von Grass so begründet war, und ich habe diese Geschichte auch schon einmal in meinem Buch „Deutscher Narrenspiegel“ zitiert. Bei einem Vortrag, den ich 1998 hielt, kamen zwei ehemalige Schüler aus Grass Klasse auf mich zu. Die erzählten, daß sie damals, obwohl an der Sache nicht beteiligt, als Mitglieder der Grass-Gang wegen der „Chloroformsache“ mit von der Schule geflogen waren.

Hinweis via Bettina Röhl.

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