Der Vorwurf des Populismus
Der Term "populistisch" taucht immer mal wieder gerne in Diskussionen unserer Zeit auf. Dabei hat er immer einen dialektischen Hintergrund. Eigentlich will jede Meinung auch die, die mit dem Vorwurf populistisch arbeitet gerne populär sein. Der Vorwurf des Populismus ist aber so massenkompatibel, daß er eigentlich selbst ungeheuer populistisch ist. Es will ja keiner zur Masse gehören, auch wenn er es doch tut: Jeder pocht auf seine besondere Individualität. Besonders populär sind ja immer irgendwelche Aussagen, die gegen den Populismus vorgehen. Meistenteils sind es so völlig unpopuläre Aussagen wie, "Ich bin gegen den Krieg", oder, "Die USA ist böse", die nicht populistisch sind – und im Gegensatz dazu sind Aussagen wie: "Islamisten sind gefährlich", in Deutschland ungeheuer populistisch.
Es ist aber eigentlich völlig egal: Das Wort Populismus selbst taugt nur zum Unwort. Jede politische Aussage, jeder Artikel, alles was sich öffentlich zeigt, will Popularität. Jeder Einwand will überzeugen und populär werden. Popularität ist Ziel in jeder Diskussion. Und keiner will möglichst unpopulär sein. Und so ist es auch mit jeder Phrase und jedem Argument. Alles ist populistisch, jede Zeitung, jede Radio- oder Fernsehsendung will populistisch sein. Man sagt im Falle des Erfolges, man hat den Zeitgeist getroffen. Popularität zu erringen ist sogar gleichzusetzen mit Erfolg. Auch unpopuläre Meinungen zielen darauf, eine möglichst grosse Masse zu überzeugen. Der Vorwurf des Populismus ist also immer verlogen und bigott. Er will Masse schaffen in dem er suggeriert, daß die dazu im Gegensatz existierende "nicht populistische Meinung" eine feinere höherstehende ist.
Der Kern davon ist aber undemokratisch, denn der Demokratie liegt zugrunde, daß die Masse die Herrschaft ausübt und nicht eine Elite und sei sie noch so fein in ihrem ideologischem Geschmack. Und der eigentliche Zweck der Übung des Vorwurfes "Populismus" ist Diffamierung ohne zu begründen. Denn keine Aussage kann diesem Vorwurf entkommen, aber belegen muss man da nichts, es reicht, daß man einen findet der eine solche Meinung hat. Denn der Vorwurf Populismus geht ja nichtmal davon aus, daß es eine Masse gibt, die diesem oder jenem Argument folgt. Es reicht schon einer Argumentation vorzuwerfen, daß eine Masse diese Argumentation "gut finden könnte" – aber eben das will jeder in jeder Diskussion.
Und letztlich ist "Populistisch" nur eine besonders feine Abstufung eines unbegründeten "Das find ich aber blöd".

Hm. Ich verwende auch manchmal den Ausdruck “populistisch” und meine damit Aussagen, die ganz offensichtlich nicht besonders differenziert sind und nur auf schnelle Zustimmung im ersten Moment abzielen. Insofern hat das Wort für mich schon eine Bedeutung, die von “populär” abweicht.
Comment by Karsten — April 20, 2006 @ 9:16 pm
Eine Aussage die auf eine schnelle Zustimmung abzielt und nicht sehr differenziert ist, würde bedeuten: Die Aussage ist richtig – Einfach richtig, wie 2 und 2 ist vier – das wäre nicht sehr differenziert und hofft auf schnelle Zustimmung im ersten Moment. Die Aussage ist einfach und wie das meiste Wahre nicht sehr komplex (Altbekannt aus der Bibel… Deine Rede sei: Jaja, Neinnein)
Einfach falsche Aussagen sind hingegen einfach falsch. Es gibt keinen Argument gegen einfache Aussagen. Und auch kein Argument gegen Aussagen die auf Popularität abzielen. Versimplifizierend oder vereinfachend sind andere Worte. Populistisch zielt über den Umweg des Elitären Anspruchs auch nur auf eine Masse.
Comment by luclog — April 21, 2006 @ 6:32 am
Ich stimme dir zu. Nur gehen uns vielleicht so langsam die Worte aus. Da müssen wir halt noch etwas mehr auf Denglisch ausweichen. Darin üben wir uns ja schließlich permanent. Nicht wahr?
So ist das eben, denn: Jeder Satz wurde schon mal gesagt und jedes Wort schon mal gesprochen. Irgendwie nutzt sich auch die Sprache mehr und mehr ab. Insofern sollten wir auch nicht soviel dagegen haben, unsere deutsche Sprache für “Veränderungen” freizuhalten.
Comment by apollon — April 22, 2006 @ 11:13 am
Ich verstehe “populistisch” so, dass ein komplexer Sachverhalt vereinfacht wird, um eine klare Aussage bzw. Handlungsanweisung zu erhalten, die - wie Luc richtig schreibt - auf Popularität aus ist… Beim Vereinfachen kommt es darauf an, wie stark vereinfacht wird. Es kommt häufiger vor, dass Leute selber vereinfachen, aber nur die Vereinfachungen des Gegenübers erkennen wollen. Man kann alles und jedes so stark vereinfachen, dass man der Sache nicht mehr gerecht wird. Daher kann man nicht pauschal sagen, jede Vereinfachung müsse erlaubt oder verboten sein. Abstraktionen sind auch Vereinfachungen, aber sie sind begründet und folgen einem nachvollziehbaren Schema. Z.B. Linke und Rechte… Zu stark vereinfacht ist es aber z.B., jeden, der gegen Bush ist, gleich einen Terroristen zu nennen oder jeden, der was gegen Moslems sagt, als rechtsradikal oder Fundi-Christen einzustufen. Im Prinzip ist vieles Populismus, aber besonders gern wird der Populismus der anderen kritisiert.
Comment by euroneuzeit — April 22, 2006 @ 12:32 pm
I see. Ich werde gegen die Masse der Freunde des Unworts nicht bestehen können. Aber es musste mal gesagt werden.
Comment by luclog — April 22, 2006 @ 12:44 pm