Goethes Farbenlehre
Ein lesenswerter Text zum Streit zwischen Goethe und Newton bezüglich der Farbenlehre und des Spektrums. Goethe hat in dem bekannten Farbkreis die Farben an ihren Enden wieder ineinander übergehen lassen. Eine Vorstellung die bis heute der Vorstellung von elektromagnetischen Wellen widerspricht. Das newtonsche Wellenbild ist bekanntlich an beiden Enden offen. Nun, Goethes Argumentation ist natürlich auch gnostisch inspiriert. Aber trotzdem lesenswert:
Für einen Naturwissenschaftler sollte es einsehbar sein, daß Wellenlängen und Farben zwei völlig verschiedenen Wirklichkeitsbereichen angehören und es unzulässig ist, Begriffe und Prinzipien, die für den einen Bereich Gültigkeit besitzen, auf den anderen Bereich übertragen zu wollen. Die zum materiellen Wirklichkeitsbereich gehörenden elektromagnetischen Schwingungen gibt es, seit die Welt besteht. Farben gibt es als Empfindung aber erst, seit die Evolution Tiere mit Augen und Gehirnen hervorgebracht hat und der Begriff "Farbe" schließlich ist erst mit dem Menschen in die Welt gekommen. Goethe hat sich immer strikt dagegen verwahrt, daß Farbempfindungen "vom Menschen abgesondert" werden. Die Unsinnigkeit der Newtonschen Behauptung, daß Weiß aus allen Farben zusammengesetzt ist, wird vielleicht deutlicher, wenn man sich anstelle des Physikers und Farbenlehrers Newton einen Chemiker und Geschmackslehrer Newton vorstellt, der behauptet, daß der Geschmack von Kochsalz sich aus Natrium- und Chlorgeschmack zusammensetzen müsse, da ja Kochsalz eine chemische Verbindung von Natrium und Chlor sei.
Im polemischen Teil seiner Farbenlehre hat Goethe die Lehre Newtons auf dem Farbengebiet, die er eine "Irrlehre" nannte, leidenschaftlich angegriffen. Man kann dort lesen, daß Newtons `Optik’ "baren Unsinn" enthalte [5], daß Newtons "Sinn ganz vom Vorurteil umnebelt sein" müsse [6]; die Zerlegung des Sonnenlichts in Farben wird als "Gespenst" bezeichnet [7], von "Hokuspokus" ist die Rede [8]. Die Auseinandersetzung mit Newton ist für Goethe ein Glaubenskampf; die herrschende Naturwissenschaft bezeichnet er als "herrschende Kirche" [9], und Newton als "Inquisitor" [10]. Goethe hoffte, es werde "eine Zeit kommen, wo man … alle jene Spiegelfechtereien ans Tageslicht bringt, welche den Verstand hintergehen" und wo die "Phänomene … ein für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer vor die Jury des gemeinen Menschenverstandes gebracht werden" [11].
